"Ab mit dir ins Vaterland", von Fritz Raab. Der Verfasser erzählt von dem elfjährigen Stefan Borkowitz, der mit seiner Familie, im ehemaligen Schlesien lebend, endlich die Ausreisegenehmigung erhält, schweren Herzens Abschied nimmt (er fühlt sich mehr als Pole), über Friedland ins Lager Finkenwerder bei Hamburg gelangt, um sogleich wieder zu den im Fichtelgebirge nahe der tschechoslowakischen Grenze lebenden Großeltern zu reisen, zu denen die Eltern nicht ziehen mochten. Stefan gelingt es, quer durch die ČSSR teils als blinder Bahnpassagier, teils trampend in sein altes Heimatdorf zurückzukehren, von wo er nach wenigen Tagen in die BRD abgeschoben wird. – Der Erzählrahmen gibt Gelegenheit, die Schwierigkeiten der Eltern und Kinder bei ihrem Wechsel von einer vertrauten, auf enge Nachbarschaft angelegten Umgebung in eine unvertraute zur Sprache zu bringen, die durch ganz andere gesellschaftliche Strukturen geprägt ist. Wie sich in der bunten "Warenwelt" mit ihrer Faszination und ihren diversen Kehrseiten wie Konkurrenzverhalten und Vereinzelung zurechtfinden? Wie die sprachlichen Probleme meistern? Wie beruflich Fuß fassen in einer Welt, die zwar allen einen relativen Wohlstand, aber keinen Arbeitsplatz (mehr) garantiert? Wie neue Freunde finden, einen neuen Bekanntenkreis aufbauen? Das alles ist flüssig, eindringlich und erzählerisch bisweilen gekonnt aus der Perspektive des Jungen Stefan erzählt und sicher geeignet, in hiesigen Lesern Verständnis für die neuen Mitbürger zu wecken und Vorurteile abzubauen. (Beltz & Gelberg, Weinheim; 153 S., 14,– DM).

Malte Dahrendorf

"Germanien – Länder und Völker der Germanen", ein Geschichtsbuch für Jugendliche ab zwölf von Emil Nack. Was in den vielen einschlägigen Erwachsenen-Titeln, die in letzter Zeit auf den Markt gespült worden sind, eher zur Dichtung hin tendiert, wird hier mit Chronisten-Gewissenhaftigkeit nacherzählt. Nack fängt in Mommsenscher Geschichtsschreibe-Tradition beim Ei an: Er beschreibt die "Landschaft Germaniens", geht auf steinzeitliche Lebensformen und die "Vorfahren der Germanen", die Indogermanen ein, wirft einen Blick auf die Nachbarvölker, grenzt das "germanische Gesamtvolk" nach Sprache und Gliederung in Stämme ein und kommt gewissenhaft erst dann zu den "geschichtlichen Nachrichten über die Germanen", denen er fortan bis hinauf zu Karl dem Großen treu bleibt. Das Buch folgt einem gewissen enzyklopädischen Aufbau, Kern- und Merkbegriffe sind am Rand ausgeworfen. Das sorgfältig ausgewählte Abbildungsmaterial stützt die Beschreibung. Natürlich kommt es in Geschichtsbüchern wie dem vorliegenden immer wieder zu Pauschalisierungen und Zusammenziehungen, über die gelernte Historiker die Nase rümpfen, aber Nack hat den schmalen Grat zwischen zielgruppengerechter Stoffaufbereitung und historischer Treue doch erstaunlich gut eingehalten. (Ueberreuter, Wien/Heidelberg; 384 S., 48 Abb., 29,– DM.) Uwe Schmidt