ZDF- Freitag, 29. April, „Generale – Anatomie der Marneschlacht“, von Sebastian Haffner, Regie: Franz-Peter Wirth

Anderthalb Stunden spannende Unterhaltung und unterhaltende Belehrung, durchsetzt mit Kabinettstücken der Schauspielkunst – dieser Film ist sein, teures Geld wert gewesen. Endlich einmal ein Kriegsfilm ohne Pulverdampf und Feuersäulen, ohne Blut und Schweiß – die Truppe kam überhaupt nur für eine Minute, am Straßenrand, ins Bild. Die Handlung spielt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in Schloßsälen und Klassenzimmern, dort, wo die Generalstäbler ihre Karten ausgebreitet haben.

Sebastian Haffners erstes Fernsehspiel geriet zur psychologischen Studie eines Berufsstandes im Jahre 1914; er hatte das Glück, auf einen Regisseur zu stoßen, der sie mit einer Schar bewährter Darsteller wirksam ins Bild zu setzen wußte. Sein Befund bestätigt: den Typus des Generals gibt es nicht, nur eine nach Nationen unterschiedliche Palette von Temperamenten und Charakteren.

Wie menschlich dieser von klugen Skrupeln und seelischen Qualen zermarterte, durch die Verhältnisse überforderte deutsche Generalstabschef von Moltke (Otto Kurth),. Welch ein Kontrast sein Gegenspieler (Siegfried Wischnewski), ein Mann einfachen Zuschnitts, dessen Zähigkeit und Standhaftigkeit, dessen Geduld und Härte bereits den halben Sieg ausmachten. Daneben andere Kriegshandwerker: Glücksspieler, deren höchster Einsatz das Vaterland ist oder das Leben von Hunderttausenden, Schachspieler, die ihre Partie bis zum Matt oder zum Remis durchhalten, Dogmatiker, die unerschütterlich den Plan erfüllen wollen – doch sie alle tappen im dunkeln, laufen dauernd dem Krieg hinterher, sind in der Verantwortung so einsam wie Joffre unter der Eberesche auf dem sonnendurchglühten Schulhof.

Haffner war nicht der erste, der die Marneschlacht in ein Szenenspiel verwandelte. Schon 1933 schrieb ein gewisser Karl Bartz ein Stück, um zu beweisen, daß die deutsche Armee die Schlacht gewonnen, die Heeresleitung aber sie verloren habe. Ähnlich nun Haffner: nicht die großartig kämpfende Truppe habe den Kampf verloren, sondern die Generalität. Der Journalist Haffner, eines der wenigen Urtalente des Mediums Fernsehen, der souverän wor-der Kameras agieren und, wenn’s sein muß, auch improvisieren kann, hat die Gabe, komplizierte Sachverhalte mit ein paar klaren, jedermann einleuchtenden Sätzen wiederzugeben.

Wer sich, durch die Rubrik Dokumentation irregeführt, wissenschaftlich exakte Aufklärung über historisch umstrittene Tatsachen erhoffte, wurde enttäuscht. Nirgends erfuhr der Zuschauer, daß die deutschen Generale allenfalls taktisch, aber niemals strategisch siegen konnten – weil sie nämlich den Schlieffenplan, ohnehin eine Ausgeburt der Verzweiflung, mit zu schwachen Kräften ausführen mußten, weil sie ihren Gegner, vor allem die Briten, fahrlässig unterschätzten, weil sie für einen Blitzkrieg nicht technisch vorbereitet wären. Kaum deutlich wurde, daß selbst willensstarke Generale das Kriegsglück nicht mehr zwingen können, wenn sich die Truppe, ausgeblutet und von langen Märschen in der Sommerhitze ausgedörrt, unversehens einem Feind gegenübersieht, der im entscheidenden Moment die Stärkeren Bataillone hat.

Wer sich als Laie gutgläubig dem geschickt dozierenden Moderator Haffner anvertraute, wurde getäuscht. Haffner konnte seinen Anspruch nicht einlösen, daß jede Szene bis in die Einzelheiten historisch bezeugt sei. Vieles war verändert, umgestellt, verkürzt worden, ganze Monologe und Dialoge wurden frei erfunden. Jeder Hörspielautor im Schulfunk weiß, daß sich Geschichte anders gar nicht anschaulich machen läßt. Bei Haffner wurde diese Verfremdung nur insofern bedenklich, als er sich an längst überholten Forschungsergebnissen orientierte. Wäre es da nicht pfiffiger gewesen, im Vorspruch zu behaupten, Ähnlichkeiten mit historischen Ereignissen und Figuren seien allenfalls zufällig?