Für Sie, Herr Roeder.“ Im Saal C des Heilbronner Landgerichts steckt ein untersetzter Endfünfziger aus den knapp drei Dutzend Zuhörern dem Angeklagten einen verschlossenen Briefumschlag zu. Andere wollen ihm wenigstens die Hand gedrückt haben. Für sie ist der ehemalige Rechtsanwalt und Führer der rechtsextremistischen „Deutschen Bürgerinitiative“ in diesem Prozeß nicht Angeklagter, sondern Ankläger.

Und Manfred Roeder läßt keine Gelegenheit aus, diese Rolle zu spielen. Er hat nichts dagegen, daß ihn eine Photographin in der Anklagebank photographieren will. „Gibt es für uns eine bessere Propaganda als Prozesse?“ hat er skeptischen Anhängern in einem seiner „Rundbriefe“ an Gesinnungsfreunde geantwortet.

Roeder ist in diesem Prozeß angeklagt, den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer im Dritten Reich, Dietrich Bonhoeffer, in einem Leserbrief an die Heilbronner Stimme einen „ehrlosen Vaterlandsverräter“ genannt zu haben, der mit dem englischen Geheimdienst für den Untergang des deutschen Volkes gearbeitet und den man „leider zu spät erwischt“ habe. Das Amtsgericht Heilbronn hatte ihn dafür wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu 5000 Mark Geldstrafe verurteilt. Sowohl Roeder als auch die drei als Nebenklägerinnen beteiligten Schwestern des 1945, wenige Tage vor Kriegsende im KZ-Flossenbürg hingerichteten Widerstandskämpfers, legten Berufung ein. Jetzt muß sich eine Strafkammer des Landgerichts mit der schamlosen Behauptung des landauf, landab unverhohlen nationalsozialistische Volk-und-Vaterland-Parolen predigenden Ex-Rechtsanwalts befassen.

Der Heilbronner Prozeß ist nicht das einzige gegen Roeder anhängige Verfahren. Das Amtsgericht Flensburg verurteilte ihn zu 3000 Mark Geldstrafe wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz, weil er einen „Reichstag zu Flensburg“ einberufen hatte. Bei der nichtangemeldeten Veranstaltung unter freiem Himmel verbrannten seine Anhänger eine britische und eine amerikanische Fahne. Beim Landgericht Frankfurt ist ein Verfahren wegen Volksverhetzung anhängig. Roeder hatte in einem Vorwort zu dem Pamphlet „Die Auschwitz-Lüge“ die Existenz von Gaskammern in Konzentrationslagern und die Massentötung von Juden bestritten und entsprechende Berichte einer „jüdischen Weltverschwörung gegen das deutsche Volk“ angelastet. Beim Oberlandesgericht Frankfurt ist schließlich ein Verfahren gegen Roeder wegen versuchter Nötigung eines Verfassungsorgans anhängig. Dem Rechtsanwalt, dem die Berufsausübung „wegen seines antidemokratischen Auftretens“ vom Ehrengericht der Rechtsanwaltskammer Frankfurt vorläufig untersagt worden ist, hatte den damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, zur Begnadigung eines NS-Täters zwingen wollen.

Im Heilbronner Beleidigungs-Prozeß lehnt es Roeder ab, dem Vertreter der Nebenklägerinnen, dem Rechtsanwalt und früheren Bundesverfassungsrichter Fabian von Schlabrendorff, Auskunft über diese Verfahren zu geben. Er weigert sich überhaupt, mit dem Mann zu sprechen, der zusammen mit Dietrich Bonhoeffer und anderen Männern des Widerstands in den Gestapo-Zellen in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße und im KZ-Flossenbürg gesessen hatte. So erfährt Schlabrendorff auch nicht, ob es stimmt, was die Bundesanwaltschaft in dem Frankfurter Nötigungs-Verfahren ermittelt hat, daß Roeders „Deutsche Bürgerinitiative“ mit einem Spendenaufkommen von 9000 Mark im Monat kalkulieren kann. „Das geht Sie gar nichts an“, zischt Roeder ungehalten.