Die Stadt des Dichters Michail Bulgakow heute

Von Christian Schmidt-Häuer

Kiew, Anfang Mai

Viermal in den letzten drei Jahren unterlagen deutsche Fußball-Spitzenmannschaften aus der Bundesrepublik im Kiewer Zentralstadion: Eintracht Frankfurt zuerst, dann der FC Bayern (gleich zweimal) und schließlich Borussia Mönchengladbach. Die deutschen Fußball-Niederlagen in Kiew haben ein längst vergessenes, bitteres Vorspiel. Vor 35 Jahren verlor, noch auf der alten Dynamo-Anlage, eine regionale Auswahl der "Luftwaffe" mit 2:4. Dabei hatten die deutschen Besatzer Dynamo Kiew vor dem Spiel gewarnt: ein Sieg der Kiewer könnte die Bevölkerung aufputschen. Nach dem "verbotenen" Triumph wurden vier Spieler verhaftet und kurz darauf erschossen. Den unauffälligen Gedenkstein am Rande des alten Dynamo-Platzes bekommen Schlachtenbummler auf dem Weg ins Zentralstadion nicht zu Gesicht.

Kriegsdenkmäler, auch Monumente des sozialistischen Realismus sind in Kiew, der "Mutter der russischen Städte", den Menschen nicht über den Kopf gewachsen. Lenin, aus rotem Granit, wirkt wie ein Zwerg neben Wladimir dem Täufer. Die schwarze Bronzestatue des Kiewer Fürsten, der den altrussischen Staat in die "christliche Familie der Könige" des Mittelalters führte, wacht mit erhobenem Kreuz über dem Dnjepr. Zu seinen Füßen liegt die Truchanow-Insel, die mit ihren unverschmutzten Sandstränden im Sommer täglich Zehntausende aus der Zwei-Millionen-Metropole der Ukraine anlockt. "Die Terrassen des herrlichsten Ortes der Welt", hat der Schriftsteller Michail Bulgakow den Wladimir-Hügel genannt.

Zerbröckelnde Fassaden

Niemand hat Kiew so mitreißend, so phantasievoll und so detailliert geschildert wie Michail Bulgakow in "Die weiße Garde" –, dem Roman über die Bürgerkriegswirren von 1918. Heute erinnert nicht einmal eine Gedenktafel an den großen Chronisten der Stadt. Der 1940 verstorbene Michail Bulgakow wurde wegen seiner satirischen Zeitstücke in der Stalin-Ära isoliert. Dabei hat ihn der Sowjetdiktator nie direkt verdammen lassen. Sechzehnmal sah sich Stalin "Die Tage der Turbins" an, die berühmte Moskauer Bühnenfassung der "Weißen Garde". In Kiew ist Bulgakow offiziell noch immer Unperson, in Moskau macht er in diesem Frühjahr Furore. Seine in der Sowjetunion erst 1966 unvollständig veröffentlichte Satire auf das Moskau der Stalinzeit, "Der Meister und Margarita", wird seit April vom Tanganka-Theater gespielt. In Kiew fragte ich einige Intourist-Damen, die Stadtführungen vermittelten, nach dem Hause Bulgakows. Sie kannten es nicht.