Von Nina Grunenberg

Brigadegeneral Hans-Joachim Mack stand auf dem Truppenübungsplatz von Munster wie John Wayne am Rio Bravo: den Kopf vorgestreckt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, breitbeinig, die hängenden Arme angewinkelt wie der Westernheld kurz vor dem Griff zum Colt. Aber General Mack röhrte nur wie ein angeschossener Hirsch durch das Gelände: "Jungchen, Jungchen, das hab’ ich mir gedacht!"

Einer der 21 Panzergrenadiere, die Mack bei seiner Inspektionstour über den Übungsplatz überraschte, hatte beim Aufsitzen auf den Panzer vor Schreck seine Waffe im Gelände stehenlassen. Als könne er’s nicht glauben, heulte Mack markerschütternd auf: "Der deutsche Panzergrenadier vergißt seine Panzerfaust!" Er prophezeite dem verdatterten jungen Mann einen langen, steinigen Weg in der Bundeswehr. Sprach’s, drehte sich um und grinste über das ganze Gesicht: "Da komme ich hier runter wie das heilige Donnerwetter, und die sind natürlich aufgeregt."

Wie sehr Generalsgold auch mittlere Range erschüttern kann, erlebte ich wenig später, als ein Hauptmann die Flucht ergriff, sobald er den General durchs Fernglas im Anmarsch sah. Er setzte sich auf seinen Panzer und kratzte die Kurve, daß der Schlamm in Fontänen aufspritzte.

Was tut ein General im Frieden? Auf keinen Fall redet er vom Krieg. Sein Großvater mag das Glas noch "auf den Tag" erhoben und den Tag der Schlacht gemeint haben, sein Vater noch darauf gebrannt haben, den Heldentod zu sterben: Die meiste Angst vor dem Krieg haben heute Lebers Generale.

Je höher ein Militär in der Hierarchie der Bundeswehr kommt, je mehr Einblick und Überblick er gewinnt, desto genauer weiß er auch, daß der nächste Krieg keine Angelegenheit für Kavaliere würde. Es mag in der Bundeswehr ein paar verrückte Leutnants oder Hauptleute geben, die sich während des Yom-Kippur-Krieges am liebsten freiwillig nach Israel gemeldet hätten, um sich "im Feuer zu bewähren". Aber ich habe keinen General kennengelernt, bei dem auch nur der leiseste Verdacht angebracht gewesen wäre, er sehne sich nach einem "frisch-fröhlichen Krieg". Im Gegenteil.

Franz Pöschl, der Kommandierende General des 3. Korps in Koblenz, rezitiert Ernst Jünger, um bei seinen fragenden jungen Offizieren jeden Zweifel über die Wirkung ihrer Waffen auszuräumen und ihnen einen Eindruck von der Angst und dem Grauen zu vermitteln, das er selber als junger Oberstleutnant erlebt hat:

"Alle Geheimnisse des Grabes lagen offen in einer Scheußlichkeit, vor der die tollsten Träume verblichen. Manche zergingen in grünliches Fischfleisch, das nachts durch zerrissene Uniformen glänzte. Trat man auf sie, so hinterließ der Fuß phosphorische Spuren. Haare fielen in Büscheln von den Schädeln wie fahles Laub von den herbstlichen Bäumen. Anderen floß das Fleisch als rotbraune Gelatine von den Knochen, und in den schwülen Nächten erwachten geschwollene Kadaver zu gespenstischem Leben, wenn gespannte Gase zischend und sprudelnd aus der platzenden Haut entwichen. Am furchtbarsten jedoch war das brodelnde Gewühl, das denen entströmte, die nur noch aus unzähligen Würmern bestanden. Manch einer zerging ohne Kreuz und Hügel in Regen, Sonne und Wind. Fliegen umschwirrten seine Einsamkeit. Unverkennbar ist der Geruch des verwesenden Menschen, schwer, süßlich und widerlich haftend wie zäher Brei. Grauenvoll waren die Rufe der einsam Sterbenden, die aus dem Dunkeln heraus in langen Pausen anschwollen und verklangen wie die von Tieren, die nicht wissen, warum sie leiden."

Wer nicht die intellektuelle Kraft hat, sich immer wieder mit der Philosophie des militärischen Handwerks zu beschäftigen – und das tun nur wenige, sehr wenige Militärs –, der spricht und handelt zuweilen, als wäre ihm der Gedanke an Krieg aus dem Hirn gebrannt worden. Gefechtsübungen mit scharfem Schuß erhalten auf diese Weise den Anstrich eines harmlosen "Spiels ohne Grenzen", das den Teilnehmern ein Höchstmaß an Sport und Spannung garantiert und bei dem Offiziere wie Mannschaften ohne Verrenkung zugeben können, daß es mehr Spaß macht als der Dienst in der Kaserne.

Da werden auch tapfer die Sprüche geklopft, die das komplizierte System der westlichen Sicherheitspolitik in kleiner Münze unter die Soldaten bringen, damit es auch der letzte Schwachkopf versteht: "Der Bäcker backt Brötchen, der Metzger macht Würstchen, die Bundeswehr produziert Sicherheit." "Oder: "Wir üben den Ernstfall, damit er nicht eintritt." Oder: Die Offiziersausbildung habe den Sinn, "im Ernstfall Menschen in extremen Situationen zu entschlossenem Handeln zu veranlassen". Wer Zweifel an solchen Kernsätzen hegt, darf nicht unbedingt einen Truppenführer nach ihrem Sinn befragen.

Manövernotizen VII, Ingolstadt, 13. März: Generalleutnant Carl-Gero von Ilsemann, Kommandierender General (KG) des 2. Korps in Ulm, und sein Stab sind ohne große Begeisterung in das Nato-Manöver Wintex 77 gegangen, aber zu ihrer eigenen Überraschung läuft die Stabsrahmenübung jetzt so gut, daß auch sie selber mit Lust und Liebe dabei sind. Der KG fliegt mit dem Hubschrauber die einzelnen Gefechtsstände im Korpsbereich ab. Bei der 1. Luftlandedivision in Ingolstadt wird ihm erklärt, die Kriegslage sei so weit fortgeschritten, daß man nun das Heimatschutzkommando brauchte. Aber Ilsemann hat es vom Verteidigungsministerium noch nicht unterstellt bekommen. Wenn die Reserven weiter schmelzen, heißt es, müsse man an den schweren Hammer denken: Atomwaffen. Aber noch hält die Front. Soweit der Krieg im Saale.

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All dies berührt schon das Gebiet der Inneren Führung, bei der die Mehrzahl der Kommandeure kalte Füße bekommt. Die Innere Führung, mit großem I geschrieben (mit einer einzigen, kurzlebigen Ausnahme im Weißbuch 1970, Helmut Schmidts erstem), gerinnt den Festrednern nicht selten zu purer Theologie. Sie stellt einen Anspruch an das demokratische Menschenbild der Vorgesetzten, der manche Generale unsicher macht. Wenn sie ihre "Staatsbürger in Uniform" mustern, das eine Extrem die Dummchen, die ohne Schulabschluß zum "Bund" kommen, das andere die Abiturienten, die in puncto politischer Bildung manchmal auch nicht klüger sind, dann sind sie viel eher geneigt, sich mit dem "Menschenals Mängelwesen" abzufinden und ihre Soldaten so zu nehmen, "wie sie sind, und nicht, wie man sie gern hätte".

So reduziert sich die Innere Führung – bei den meisten aus Unkenntnis, bei den wenigsten aus bösem Willen – auf das patriarchalische System der Fürsorge. Behandelt die Leute anständig, ist ein Wort, das jeder Troupier aus vollem Herzen gutheißt und dem überdies der leichte linke Makel fehlt, der der "Inneren Führung" in den Augen mancher anhaftet. Garl-Gero von Ilsemann, Kommandierender General des 2. Korps in Ulm, der selber mit zu den Reformern um Graf Baudissin gehörte und sogar ein Buch über die "Innere Führung" geschrieben hat, findet das alles nicht einmal tragisch. Er denkt zurück an seine eigene Rekrutenzeit und meint:"Die wissen heute gar nicht, wie gut es ihnen geht. Wie sinnlos haben sie uns damals geschunden, wie menschenunwürdig behandelt. Die Wehrmacht war nicht nur eine Schleiferarmee, aber im Bewußtsein der Vorgesetzten war Ungerechtigkeit Trumpf. Der Soldat mußte gebrochen werden, damit er neu aufgebaut werden konnte. Wie sauber geht es dagegen heute zu." Aber da stutzt er schon und setzt schnell hinzu: "Allerdings ahnt man nie, was ein Gruppenführer hinter der nächsten Haus wand tut."

Auch deshalb lautet die Devise für jeden Kommandeur: Vertrauen ist gut, eine gezielte Dienstaufsicht ist besser. Oder wie Admiral Günter Fiebig sagt, wenn er auf Inspektionsreise geht: "Das Auge des Herrn macht das Vieh fett."

Was also tut ein General im Frieden? Er führt. So wie einst Napoleons Reitergeneral Murat, der seinen Soldaten befahl: "Marschrichtung – mein Arsch", müssen auch Lebers Generale ihre Leute hinter sich scharen können – oder sie sind keine guten militärischen Führer. Amtsautorität allein genügt da nicht. Gut ist ein Divisionskommandeur erst, wenn er eine Aura zu verbreiten versteht, die jeden beflügelt, für ihn und die Sache durchs Feuer zu gehen. Wenn solch ein General einen Fehler macht, lassen ihn seine Offiziere auch nicht stehen. "Das kann man dem Alten nicht antun", heißt es dann.

Natürlich erleichtert die militärische Hierarchie das Geschäft. Die Hackordnung wird auf dem Kasernenhof nicht täglich neu in Frage gestellt, sie ist ritualisiert. Jeder weiß, wer die Verantwortung trägt und wer zu folgen hat. Wer befiehlt, hat seine Entscheidungen mit allen Konsequenzen zu vertreten. "Das ist der wesentliche Unterschied zu den Politikern oder auch zum Generaldirektor einer großen Firma", sagte mir ein Drei-Sterne-General. "Diese Leute können eine Entscheidung eher auf ihre Berater abschieben. Ein General hat diese Möglichkeit nicht. Es würde ihn in den Augen seiner Untergebenen disqualifizieren."

Was es heißt, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen, belegt das Beispiel von Admiral Ansgar Bethge, als er vor ein paar Jahren der erste Kommandant des Lenkwaffenzerstörers Lüthjens war – ein schwimmendes Waffensystem, mit dem in der Bundesmarine das Raketenzeitalter begann. Drei Monate nach der Überführung der Lüthjens aus den Vereinigten Staaten hatte sie Grundberührung beim Leuchtturm Friedrichsort – einer Stelle, wo die Seefahrer mit ihren Gedanken meist schon zu Hause bei Mutti sind. Bethge bat sofort um Ablösung vom Posten des Kommandanten; es gab eine Verhandlung; er mußte Zahlen; seine nächste Beförderung wurde um ein Jahr verzögert. Die Sache war schlimm, aber nicht heillos. Weil ihm schuldhaftes Versagen nicht vorgeworfen werden konnte, traf ihn "nur" die Verantwortung. Und die Marine hält etwas von der barmherzigen Tugend, "rechtzeitig zu vergessen". Ansgar Bethge ist heute Stellvertreter des Marine-Inspekteurs.

Das hierarchische Unterstellungsprinzip garantiert nicht nur, daß die militärische Welt in Ordnung bleibt und säuberlich auf Organigramme gezogen werden kann. Es verbürgt auch, daß jeder die notwendige Information bekommt – ("der informierte Soldat kämpft besser"). Auch deshalb wird es – besonders im Heer – so eifersüchtig gehütet wie in der katholischen Kirche. Das Podien auf Befehl, Gehorsam und Disziplin verhüllt mitunter, wieviel geschickte Menschenführung dahintersteckt.

Über die Psyche, Belastbarkeit und Verhaltensweisen von Menschen weiß ein durchschnittlicher General mehr als irgendein Personalchef. Es ist das Geschäft, dem ein Divisionskommandeur den Hauptteil seiner Arbeit widmet. Er ist nicht nur der Dienstvorgesetzte seiner Offiziere und Soldaten, sondern auch Beichtvater, Fürsorger, Pädagoge und Gerichtsherr – und in seiner Autarkie auch noch ein König.

Die ersten Mitarbeiter, die morgens vor seinem Schreibtisch stehen, sind in der Regel der G l (Abteilungsleiter für Personal) und der Rechtsberater der Division. Der Tag, den ich bei General Gottfried Ewert verbrachte, dem Divisionskommandeur der 11. Panzergrenadierdivision in Oldenburg, begann mit zwei Katastrophenmeldungen.

Ein Rekrut, der erst am 3. Januar eingezogen worden war, war verunglückt und lag mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus. Sein Kopf war zwischen Wanne und Kanone des Panzers gequetscht worden – ein Unfall, den der General für technisch unmöglich gehalten hätte und der ihn in Gedanken den ganzen Tag verfolgt. Die Eltern sind verständigt, der Militärpfarrer auch.

Ein zweiter Rekrut hat zu Hause nach einem alkoholischen Abend mit seiner Freundin aus Versehen eine Flasche mit Pflanzenschutzmittel ausgetrunken und ist tot. Ein Suizidversuch scheidet aus. Das ist immer eine Frage wert: Echte Selbstmorde sind innerhalb der Bundeswehr seltener als im Zivilleben, weniger auch als in der alten Wehrmacht. Aber die Zahl der versuchten Selbstmorde, der Demonstrationsversuche, beunruhigt die militärischen Führer schon seit einiger Zeit. Die Gründe dafür, meint Gottfried Ewert, sind meistens lächerlich und immer reparabel: Entweder ist die Freundin weggelaufen oder es sind Schulden, die den Jungen über den Kopf wachsen, "Junge Menschen, die so leicht ihr Leben in die Schanze schlagen, haben keine innere Festigkeit", fürchtet Ewert. Zum Teil sind die Kasernen schon der Telephonseelsorge angeschlossen.

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Manövernotizen VIII, Dillingen, 14. März: Der Kommandierende General hat aus Ulm von seiner Frau einen Brief "ins Feld" geschickt bekommen, das heißt, er erreichte ihn im Hotel Convict in Dillingen, seinem "Feldlager". "Die Feldpost wird im Ernstfall klappen", meint Ilsemann, "aber der Himmel bewahre uns davor, daß es jemals ernst wird." Soweit aus den Äußerungen der Offiziere zu erfahren ist, verstopfen laut Kriegsdrehbuch Flüchtlinge aus Bayern die Autobahnen und Straßen nach Norddeutschland. Der Korpsstab ist in der Nacht von Donauwörth nach Dillingen verlegt worden. Die Soldaten sind bereit, um Bayerisch-Schwaben zu kämpfen, aber sie scheinen zu fürchten, daß ihre Heimat in den strategischen Überlegungen des Nato-Hauptquartiers keine überragende Rolle spielt.

Der Rechtsberater hatte an diesem Tag zwei Fälle "Trunkenheit am Steuer". Der General muß entscheiden, ob ein truppendienstliches Verfahren eingeleitet werden soll – eine Entscheidung, die er nicht seinen Untergebenen überlassen darf. Im ersten Fall winkt er ab: Der junge Mann war noch nie vorher aufgefallen, und passiert ist auch nichts. Im zweiten Fall hat ein Oberfeldwebel versucht, einen Polizisten umzufahren. Der General ist bedenklich. Zwar handelt es sich auch hier nicht um einen "Ernstfall", aber für einen Zugführer hat der Soldat die geforderte "vorbildliche Haltung" fehlen lassen. Wieviel Promille hat er denn gehabt? 2,72? Das nennt man Volltrunkenheit. Also schön, das Verfahren wird eingeleitet. Ob das Gericht dem folgt, ist eine andere Sache. Beide Missetäter waren nicht in Uniform und befanden sich außer Dienst.

"Generale sind so weit oben", sagte mir ein junger Panzer-Hauptmann mit leisem Neid, "daß sie zu den Soldaten schon wieder nett und freundlich Sein können." In der Tat: Je jünger die Soldaten sind, desto verständnisvoller und väterlicher wird der Ton eines Generals. Jeder fühlt sich da als Pädagoge angesprochen und herausgefordert – soauch Ewert. Mit seinen Offizieren ist er schon härter.

An diesem Tag fällt er unangemeldet mit dem Hubschrauber beim Panzergrenadierbataillon 311 in Varel ein. Unangemeldet zu erscheinen oder sich wie Luftwaffengeneral Fritz Wegner durch den Nebeneingang ins Dienstzimmer des Kommodores zu schleichen, während der erwartungsvoll vorne am Haupteingang Spalier steht, gilt bei Untergebenen nicht als die Art des feinen Mannes. Aber Divisionskommandeure, und erst recht die Kommandierenden Generale, werden häufig von dem unguten Gefühl getrieben, daß ihre Distanz zur Truppeschon zu groß ist, als daß sie noch ehrlich von sich behaupten könnten, überall auf dem laufenden zu sein. "Das Bemühen, den Abstand zu verringern", beklagt Generalleutnant Franz Pöschl, "schlägt nicht immer so durch, wie ich es möchte."

Die Kompanie, die Gottfried Ewert sich an diesem Tag vorknöpft, hat das Glück, gerade im Trimmtrab durch den Wald zu laufen. Deshalb stürzt sich der General auf den nächstbesten Hauptmann und wütet wie ein Taschenhurrikan in der Schreibstube der Kompanie. Wie lebt die Kompanie mit ihren Fehlstellen? will er wissen. Bis auf einen fehlen im dritten Zug alle Unteroffiziere. Wie kommt das? Was ist los? Welche seiner Männer möchte der Hauptmann zu Unteroffizieren machen? Kann er deren Namen im Schlaf nennen?

Personell werden die Feldwebel neuerdings vom Heeresamt in Köln per Computer geführt. Ewert findet es schade, daß die Verantwortung von der Division weggenommen würde. Aber sowohl der Hauptmann wie sein Bataillonschef finden die Lösung nicht schlecht. Die Personalpolitik ist nun auch für die Unteroffiziere transparenter geworden. Vorher gabes oft Ärger, weil die Feldwebel ihre Chefs verantwortlich machten, wenn sie nicht befördert wurden. Das sieht der General, aber er hört auch schon das Heulen undZähneklappern bis nach Oldenburg schallen, wenn der Computer die Versetzungen ausspuckt.

Sein Freund, General Michael Greipl bei der 1. Gebirgsjägerdivision, ist ähnlicher Meinung: "Jetzt können Sie sich nicht mehr über einen Menschen ärgern", pflegt er zu sagen, "sondern nur noch über eine Maschine. Das frustriert doch auch." In Bayern scheinen die Feldwebel ebenfalls dieser Meinung zu sein. Sie bekommen schon Angst, wenn sie zur Unteroffiziersausbildung nach Munster in den Norden müssen. Die Heide ist seltsam, sagen ihnen ihre Kameraden, die schon dort waren. General Mack, der Kommandeur der Panzertruppenschule, hat denn seinen Leuten auch eingeschärft: "Empfangt die Bayern nicht mit den Worten: ‚Bei euch wird das Licht noch mit dem Hammer ausgemacht.‘"

General Ewert besucht an diesem Tag auch noch eine Instandsetzungskompanie in Varel. Bei den "Kasematten-Bären", wie die Leute im Nachschub von waffenstolzen Panzersoldaten mit leichter Herablassung apostrophiert werden, haben die jungen Männer die solideste Berufsausbildung. Als Ewert in der Instandsetzungshalle auf einen Konstruktionsingenieur von 23 Jahren: trifft, der gerade seine Wehrpflicht ableistet, ist er stolz, als wäre der junge Mann sein eigener Sohn. "Was eine Wehrpflichtarmee für Menschen hat", sagt er beeindruckt, "das kriegen sie in einem Berufsheer nie zu fassen. Was Sie hier sehen, das sind lauter junge Leute mit qualifizierten Fachausbildungen, die am Panzer Leopard‘ sinnvoll weiter ausgebildet werden."

Aber das hat auch seine Schattenseiten, setzt der General gleich besorgt hinzu und fragt: "Sind zum Kämpfen nur die Dummen da? Die Ausgebildeten kommen alle in die Instandsetzung. Wer nichts kann, muß in die Kampftruppe." Dort stecken bis zu zwanzig Prozent junger Männer ohne Volksschulabschluß, allerdings auch die Abiturienten – und die fallen bei der Bundeswehr statistisch unter die "Ungelernten"; die nicht speziell verwendbar sind. So führt das Bundeswehr-Prinzip, den richtigen Mann an den richtigen Platz zu setzen, in der Praxis dazu, daß die "Unrichtigen" in die Kampftruppe kommandiert werden.

Ein General, der seine Dienstaufsicht ernst nimmt, kümmert sich auch um die Pflege des Führungsnachwuchses – "er guckt ihn aus". Wie geschickt junge Leute auf dem Prüfstand landen, wenn der General ein guter Pädagoge ist, erlebte ich mit, als Generalmajor Fritz Wegner, der Kommandeur der 1. Luftwaffendivision, einen Inspektionsbesuch in Schwabstadl bei München machte, beim Jagdbombergeschwader 32. Er nutzte die Gelegenheit, um selber eine Flugstunde zu nehmen (sein Pensum von 70 Stunden im Jahr wieder um eine zu reduzieren) und sich dabei einen jungen Hauptmann anzusehen, der im Geschwader als vielversprechend gilt und eventuell als "Schlieffen-Pimpf" in Frage kommt – so werden in der Luftwaffe die Generalstabsoffizere von der Führungsakademie in Hamburg genannt. Der Hauptmann diente dem General als Fluglehrer, ein Job, der Kummer machen kann. Oft hat das fliegerische Können der "älteren Herren" schon nachgelassen, aber auch ein Fliegergeneral läßt sich nicht gern auf seine Fehler aufmerksam machen. Hauptmann Weiss schaffte es mit Takt und Fingerspitzengefühl. Als er mit dem General vom Einsatz zurückkam, ließ er seiner Begeisterung freien Lauf: "Wir haben zugeschlagen, daß sich die Mäuse noch verkrochen haben und den Leuten das Wasser aus dem Munte lief", schwärmte er. Zu einem Pilotenkollegen wurde er noch deutlicher: "Daß der Alte noch so einen heißen Reifen fliegen kann, hätte ich nie geglaubt." Auch General Fritz Wegner, vor dessen blauem Blick schon mancher Flieger unsicher wurde, und dessen Art, auf Fehler nicht laut, sondern nur sarkastisch zu reagieren, gefürchtet ist, war ebenfalls zufrieden. Die innerliche Kraft und Vehemenz der "Tiger" vom Schlage des Hauptmann Weiss zu steuern, ist eine Kunst, die keine Kumpanei erlaubt. Aber der junge Mann hatte ihm gefallen.

Dienstvorgesetzter, Gerichtsherr, Menschenführer, Fürsorger, Pädagoge – dies alles kann der General nur erfolgreich sein, wenn er einen exzellenten Stab hat, mit dem er vertrauensvoll und einvernehmlich zusammenarbeitet. Nur so kann der Divisionskommandeur sich erlauben, Schwerpunkte zu setzen und sich seine Arbeit einzuteilen, nicht nur am Schreibtisch zu sitzen und zu verwalten, sondern auf der Spur seiner Soldaten durch Feld und Wald zu marschieren.

Wenn er es richtig anfängt, geben diese Freiheiten einem Divisionskommandeur noch jenen Hauch Gutsherrenromantik, die überall sonst schon ausgestorben ist. Wer dann noch auf die Jagd geht (in der Abendsonne mit dem Jagdhund auf den Hochsitz zu marschieren und Wild zu beobachten – das geben gar nicht so wenige Generale als ihre Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit an) oder ausreitet (ein Pferd ist billiger als eine Jagd, heißt es entschuldigend), der ist klug genug zu wissen, was er hat. Ich habe keinen Zwei-Sterne-General getroffen, der für sein Leben als Divisionskommandeur nicht dankbar gewesen wäre.

"Truppenführung bedeutet Freiheit, Stabsarbeit im Ministerium auf der Hardthöhe ist schon dümmer", wurde die Prestige-Skala von einem General eingeschätzt, der seine Karriere vorwiegend im Generalstabsdienst machte. Wenn die Bataillons-Ideologie des Heeresstimmte, müßte es noch dümmer für jene Spezialisten sein, die ihren Generalsrang der Bedeutung ihres Jobs verdanken – wie etwa die Luftwaffengeneräle Horst Hauke und Claus Thierschmann. Beide haben mit Menschenführung nichts zu tun. Beide haben ein Fachkommando – der eine im Luftwaffenamt als Rüstungsplaner; der andere auf der Hardthöhe als Logistiker, der für die achtziger Jahre den Truppeneinsatz des Mehrzweckflugzeugs "Tornado" vorbereitet. Beide sind der Typ des technischen Top-Managers, beide haben einen Grad von Spezialisierung erreicht, der einen Divisionskommandeur zu einem einfachen System degradiert.

Manövernotizen IX, Kalkar/Niederrhein, 24. März: Wintex 77 ist beendet. In der Abteilungsleiterbesprechung der 3. Luftwaffendivision, Kommandeur: Generalmajor Horst D. Kallerhoff, will der Verwaltungschef wissen, wie die Überstunden der Zivilangehörigen während des Nato-Manövers abgegolten werden sollen. Großes Erstaunen des Kommandeurs: Was heißt hier Abgeltung? Kriegen die Mäuse? Die Sache muß geklärt werden. Viele Offiziere erholen sich bereits von den Anstrengungen der Übung und machen Urlaub. Der Betrieb ist verdünnt, gelinde gesagt. Außerdem steht Ostern bevor. Der Kommandeur fragt mit leichtem Vorwurf, wer überhaupt noch da ist. Ist die Bundeswehr Ostern noch vorhanden?

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Aber hier kommen zugleich Relikte von Waffenstolz ins Spiel – ein Thema, das zumindest noch zur Kasino-Unterhaltung taugt. Natürlich fühlt sich ein Luftwaffengeneral einem Heeresgeneral schon deshalb überlegen, weil er lockerer auftritt. Von einem "Jäger" nicht zu sprechen: Fighter pilots do it better, heißt der Spruch. Die simulierte Kampfwelt prägt.

Der Stolz auf die Waffengattung erzeugt auch im Heer Impulse. Die Panzersoldaten betrachten sich als die legitimen Nachfahren der Schlachtenkavallerie. Der Chef eines Panzerbataillons läßt im Feld während einer Übung auch heute noch weiß decken, wenn er Zeit hat. Das Geschirr schleppt er mit. Hat er keine Zeit, ißt er von der Kühlerhaube. Die Panzeraufklärer, die "in die Nacht, ins Unbekannte fahren", finden sich einen Tick eleganter. Ein Panzergrenadier dagegen gilt in den Augen eines rechten, Panzermannes als Verschnitt: Die Grenadiere müssen auch auf der Erde kämpfen (und werden deshalb als Stoppelhopser ironisiert). Pioniere dagegen gelten als "bewaffnete Maurer". Ein Pionierbataillon ist mit einer anständigen Tiefbaufirma vergleichbar: es schlägt Brücken, baut Straßen, gräbt Kanäle und führt die Sturmboote. Die Artilleristen, auch "Stückknechte" genannt, leiden unter dem Ruf, daß ihre Leute Mathematik können müssen. Seit es die Taschenrechner gibt, spielt das keine Rolle mehr.

Das sind Scherze. Offiziell sind die Herren im Offizierskasino alle gleich, alle eine Gesellschaft. Auch der General war einmal Leutnant. Auch der Leutnant lag einmal auf einer Vier-Mann-Stube. Jeder war einmal ein Landser. Freilich: Ein General ist gleicher als andere. Selbst wenn er seine Herren in Zivil ins Kasino oder zu sich nach. Hause bittet, sind seinem Auftreten, seinem Ton die goldnen Sterne anzumerken – schon deshalb, weil diejenigen, die an der eigenen Uniform nurSilber tragen, verstummen, sobald er sich das Wort nimmt.

Da gilt noch immer der alte Satz: "Wenn Gold auftaucht, haben die Silberlinge zu schweigen."

Nächste Folge:

General und Politik