Auch deshalb lautet die Devise für jeden Kommandeur: Vertrauen ist gut, eine gezielte Dienstaufsicht ist besser. Oder wie Admiral Günter Fiebig sagt, wenn er auf Inspektionsreise geht: "Das Auge des Herrn macht das Vieh fett."

Was also tut ein General im Frieden? Er führt. So wie einst Napoleons Reitergeneral Murat, der seinen Soldaten befahl: "Marschrichtung – mein Arsch", müssen auch Lebers Generale ihre Leute hinter sich scharen können – oder sie sind keine guten militärischen Führer. Amtsautorität allein genügt da nicht. Gut ist ein Divisionskommandeur erst, wenn er eine Aura zu verbreiten versteht, die jeden beflügelt, für ihn und die Sache durchs Feuer zu gehen. Wenn solch ein General einen Fehler macht, lassen ihn seine Offiziere auch nicht stehen. "Das kann man dem Alten nicht antun", heißt es dann.

Natürlich erleichtert die militärische Hierarchie das Geschäft. Die Hackordnung wird auf dem Kasernenhof nicht täglich neu in Frage gestellt, sie ist ritualisiert. Jeder weiß, wer die Verantwortung trägt und wer zu folgen hat. Wer befiehlt, hat seine Entscheidungen mit allen Konsequenzen zu vertreten. "Das ist der wesentliche Unterschied zu den Politikern oder auch zum Generaldirektor einer großen Firma", sagte mir ein Drei-Sterne-General. "Diese Leute können eine Entscheidung eher auf ihre Berater abschieben. Ein General hat diese Möglichkeit nicht. Es würde ihn in den Augen seiner Untergebenen disqualifizieren."

Was es heißt, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen, belegt das Beispiel von Admiral Ansgar Bethge, als er vor ein paar Jahren der erste Kommandant des Lenkwaffenzerstörers Lüthjens war – ein schwimmendes Waffensystem, mit dem in der Bundesmarine das Raketenzeitalter begann. Drei Monate nach der Überführung der Lüthjens aus den Vereinigten Staaten hatte sie Grundberührung beim Leuchtturm Friedrichsort – einer Stelle, wo die Seefahrer mit ihren Gedanken meist schon zu Hause bei Mutti sind. Bethge bat sofort um Ablösung vom Posten des Kommandanten; es gab eine Verhandlung; er mußte Zahlen; seine nächste Beförderung wurde um ein Jahr verzögert. Die Sache war schlimm, aber nicht heillos. Weil ihm schuldhaftes Versagen nicht vorgeworfen werden konnte, traf ihn "nur" die Verantwortung. Und die Marine hält etwas von der barmherzigen Tugend, "rechtzeitig zu vergessen". Ansgar Bethge ist heute Stellvertreter des Marine-Inspekteurs.

Das hierarchische Unterstellungsprinzip garantiert nicht nur, daß die militärische Welt in Ordnung bleibt und säuberlich auf Organigramme gezogen werden kann. Es verbürgt auch, daß jeder die notwendige Information bekommt – ("der informierte Soldat kämpft besser"). Auch deshalb wird es – besonders im Heer – so eifersüchtig gehütet wie in der katholischen Kirche. Das Podien auf Befehl, Gehorsam und Disziplin verhüllt mitunter, wieviel geschickte Menschenführung dahintersteckt.

Über die Psyche, Belastbarkeit und Verhaltensweisen von Menschen weiß ein durchschnittlicher General mehr als irgendein Personalchef. Es ist das Geschäft, dem ein Divisionskommandeur den Hauptteil seiner Arbeit widmet. Er ist nicht nur der Dienstvorgesetzte seiner Offiziere und Soldaten, sondern auch Beichtvater, Fürsorger, Pädagoge und Gerichtsherr – und in seiner Autarkie auch noch ein König.

Die ersten Mitarbeiter, die morgens vor seinem Schreibtisch stehen, sind in der Regel der G l (Abteilungsleiter für Personal) und der Rechtsberater der Division. Der Tag, den ich bei General Gottfried Ewert verbrachte, dem Divisionskommandeur der 11. Panzergrenadierdivision in Oldenburg, begann mit zwei Katastrophenmeldungen.