Verschleppte Krankheiten können teuer werden – Probleme der Vorsorgemedizin

Von Heribert v. Koerber

Kraftfahrzeuge werden in der Bundesrepublik besser gewartet als ihre Besitzer: Jedes Auto muß alle zwei Jahre zum Technischen Überwachungs-Verein, sonst wird es von Amts wegen aus dem Verkehr gezogen. Ein Bundesbürger, der die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrnimmt, hat nichts zu befürchten, außer daß er sich selbst schadet. Die meisten Vorsorgeuntersuchungen in der Bundesrepublik sind freiwillig. Dementsprechend gering ist die Beteiligung. Selbst die gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen werden nicht von allen Bürgern wahrgenommen. Zwar droht den Säumigen ein Bußgeld, aber niemand treibt es ein.

Eigentlich müßten die Krankenkassen berechtigt sein, ihren vorsorgeunwilligen Mitgliedern höhere Beiträge abzuverlangen. Denn die Krankenkassen vertreten alle Mitglieder, die in ihrer Gesamtheit dafür aufkommen müssen, wenn einzelne den Verlust ihrer Gesundheit riskieren. Patienten, die zum Beispiel ihre Harnwegserkrankungen bis zur Nierenschrumpfung verschleppen und dann lebenslang auf die künstliche Niere angewiesen sind, kosten die Krankenkassen Millionenbeträge, ebenso die Brustkrebspatientinnen, die mangels Früherkennung zu spät operiert werden. Doch wenn Risikozuschläge den Leichtsinnigen abverlangt würden, wo sollte man anfangen und aufhören? Die Raucher, die Trinker und Übergewichtigen müßten mit dem gleichen Recht stärker zur Kasse gebeten werden wie die Vorsorgeunwilligen.

Die Teilnahme an den kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen ist sehr unterschiedlich. Fast total erfaßt werden nur die Neugeborenen, weil 98 Prozent in einer Klinik das Licht der Welt erblicken und zwangsläufig vorsorgeuntersucht werden. Angeborene Schäden wie Stoffwechselerkrankungen, die unbehandelt zum Schwachsinn führen würden, Hasenscharten, Klumpfüße und Hüftgelenksverformungen können daher im Frühstadium ausgeheilt werden. Doch mit dem zunehmenden Alter der Kinder verlieren ihre Mütter das Interesse an der Vorsorge. Zur sechsten und siebten Untersuchung wird nur noch jedes vierte Kind vorgestellt.

Diese Zahl entspricht dem geringen Interesse der Frauen an den Krebsvorsorgeuntersuchungen. Nur 27 Prozent nutzen die Möglichkeit. Häufiger gehen Schwangere vorsorglich zum Arzt, allerdings nur knapp die Hälfte, auf dem Lande nur jede dritte Frau. Ein gestörtes Verhältnis zur Vorsorge haben die Männer. Und das, obwohl sie erst im sogenannten vernünftigen Alter, ab 45 Jahren, an der Reihe sind. Nur 11 Prozent lassen sich auf Prostata-, Hoden- und Darmkrebs untersuchen.

Die größten Vorsorgelücken hat der Gesetzgeber eingeplant. Die erste Lücke klafft vom 4. Lebensjahr bis zum Eintritt in die Schule. Vergeblich bemüht sich Professor Wilhelm Theopolt, Direktor der Frankfurt-Höchster Kinderklinik und Begründer des Früherkennungsprogramms für Säuglinge und Kleinkinder, die Vorsorge nahtlos werden zu lassen: "Ich weise immer wieder darauf hin, daß die Seh- und Hörstörungen oft erst nach dem vierten Lebensjahr erkannt und bis zum Eintritt in die Schule noch behandelt werden könnten."