Die Kulturszene in der DDR scheint äußerlich ruhig. Unterzeichner des Briefes, der sich gegen die Ausbürgerung Biermanns richtete, dürfen in den Westen reisen (Günter Kunert zur Akademie-Tagung nach West-Berlin, Egon Günther zur ARD-Sendung „Das ist Ihr Leben“ mit Lilli Palmer, Sarah Kirsch zur Trauerfeier für Fuchs). Ihre Bücher dürfen erscheinen: Gesammelte Erzählungen von Franz Fühmann, „Jette in Dresden“ von Helga Schütz, „Berliner Traum“ von Klaus Schlesinger, „Musik auf dem Wasser“ von Sarah Kirsch, „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf. Es hat den Anschein, als ob die Partei auf Ausgleich mit Leuten bedacht ist, die es gewagt haben, einen Beschluß der Partei zu kritisieren. Doch es gibt Gegenströmungen, nicht öffentlich dargetan, in keinen Zeitungen abgedruckt, sondern im internen Kreis gesagt. Wir wissen nicht, ob es die offizielle Linie der Partei ist oder lediglich die Meinung einzelner Scharfmacher. Was DIE ZEIT im folgenden abdruckt, sind wörtliche Protokoll-Auszüge aus dem, was Prof. Gerhard Ziegengeist, Direktor des Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, in einer vertraulichen Parteirunde der Akademie gesagt hat.

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„... einen Punkt, der sich herauskristallisiert, auf die Lösung bringen, daß es nach dem VIII. Parteitag auf die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen Kulturschaffenden und Partei ankam.“

Seit Sommer 1976 hat der Gegner generalstabsmäßig versucht, in der DDR eine innere Opposition aufzubauen (Kirche, Brüsewitz, Altenburg). Nachdem das gescheitert war, neues Ziel: die Schriftsteller. Auftakt waren die acht Punkte Havemanns in der ZEIT vom 29. 10. Ende Oktober wurde die Propaganda in bezug auf 200 000 Ausreisewillige gestoppt und ein Schwenk auf Schaffung einer literarischen Opposition vollzogen. Die Speerspitze war Biermann.

Der Ausbürgerungsbeschluß war einer der klügsten Beschlüsse der Partei.

Der Gegner hat die konterrevolutionäre Aktion der Schriftsteller stabsmäßig mit folgenden Zielen genutzt: 1. Lähmung der Linken in der BRD. 2. Gleichartige Aktion in westeuropäischen Ländern, z. B. führende Genossen der KPF. Der, Gegner hat das mit Brachialgewalt gemacht. 3. Ausweitung der konterrevolutionären Opposition auf Prag und Warschau.

Die Ausbürgerung Biermanns bewirkte ein reinigendes Gewitter an der Kulturfront. Ein völlig neuer Punkt war aber: eine Reihe von Kulturschaffenden ist auf Antifa-Positionen stehengeblieben. Biermann hat für Köln 300 000 DM bekommen und in Venedig verpraßt.