Von Frank Matakas

Der Kartellsenat des Kammergerichts Berlin hatte den Präsidenten des Deutschen Ärztetages und der Bundesärztekammer wegen Vergehens gegen das Wettbewerbsrecht verurteilt. Der Spruch erging, weil der erste Repräsentant der Ärzteschaft einer Firma mit Boykott gedroht hatte, die für niedergelassene Ärzte billige Laborleistungen anbot. Das Urteil erging im Herbst 1975. Der Präsident Ernst Fromm mußte schon 1973 von seinem Amt zurücktreten. Sein Nachfolger wurde Professor Hans-Joachim Sewering. Gegen ihn ist ein Verfahren anhängig, weil er ein großes Apparatezentrum betreibt und für andere Ärzte technische Untersuchungen durchführt.

Die Laborfirma war dem Alt-Präsidenten zu billig. Heute macht es der jetzige Präsident zu teuer. So meint die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Bayern. Damals hat die Ärzteschaft den Kampf gegen die Laborfirma mit dem Ruf geführt: Keine medizinisch-technischen Zentren, keine Reduktion der Medizin auf bloße apparative technische Leistungen. Heute betreibt Präsident Sewering "eine Praxis für Apparate-Medizin" und das – laut AOK Bayern – besonders unwirtschaftlich und teuer. Der Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes der AOK Bayern, CSU-Mitglied Willi Heitzer, zum "Unternehmen Sewering": "Eine Kassenarztpraxis unter rein erwerbswirtschaftlichen Prinzipien", die in ein "medizinisch-technisches Zentrum umfunktioniert" wurde.

Die Ärzteschaft ist betroffen und verwirrt. Sie erinnert sich Sewerings eigener Warnungen im Deutschen Ärzteblatt vor genau dieser Form der Praxis als Beginn des Sozialismus. Konsequent forderte die Ärztekammer Nordrhein den Rücktritt des Präsidenten – ein unerhörter Vorgang für die "große Arztfamilie". Die Abstimmung pro oder contra Sewering ergab in Saarbrücken mit 57 Prozent der Ja-Stimmen eigentlich kein Vertrauensvotum.

Was viele Ärzte gegen ihren Präsidenten aufbringt, sind freilich nicht die jährlich 1,3 Millionen Einnahmen aus der Apparate-Praxis. Chefärzte in manchen Krankenhäusern verdienen oft mehr. Sewerings Fall ist anders gelagert:

Es ist das Grundprinzip der niedergelassenen Ärzte, daß sie ihre Leistungen ausnahmslos durch ihre persönliche Arbeit erbringen und auch so abrechnen. Zwar können sie mit technischen Hilfsmitteln und mit Hilfspersonal arbeiten, sie sind aber dadurch nicht Unternehmer, sondern Selbständige. Wenn die Arzthelferin alleine eine Spritze gibt oder die medizinisch-technische Assistentin ein Blutbild in Abwesenheit des Doktors auszählt, so gilt, daß der Arzt dennoch beide überwacht. Er läßt das Personal in seiner Verantwortung arbeiten.

Präsident Sewering jedoch hat mehr getan. Er unterhält ein Labor mit über zwanzig Angestellten. Seine persönliche Leistung ist dort überhaupt nicht mehr nötig. Damit hat er auch gezeigt, daß die technische Entwicklung rationalisierte Arbeitsmethoden sinnvoll, ja unausweichlich macht. Jahrelang hat er als Sprecher der Deutschen Ärzteschaft gegen die medizinisch-technischen Zentren (MTZ), wie sie die Gewerkschaft fordert, gekämpft. Nun kommt heraus, daß er heimlich ein privates Zentrum. aufgebaut und betrieben hat. Das ist nicht nur verbitternd für die rechtschaffenen Kollegen, weil sie sich getäuscht und in der Öffentlichkeit als unpersönlich behandelnde, geldgierige Unternehmer diffamiert sehen. Schlimmer, noch ist, daß der erste Arzt im Staat auf diese Weise bestätigt hat, daß die Forderung der Gewerkschaft im Prinzip richtig ist, daß medizinisch-technische Zentren her müssen – freilich billigere als das Seweringsche.