Von Hans-jürgen Heise

Der Paraguayer Augusto Roa Bastos ist nicht nur der bedeutendste Schriftsteller seines kleinen südamerikanischen Landes, sondern gilt darüber hinaus auch als einer der wichtigsten Autoren der an Begabungen überreichen Literatur des lateinamerikanischen Subkontinents. In den beiden parabolischen Romanen „Menschensohn“ (1959) und „Ich der Allmächtige“ (1974) erzählt er die Geschichte seines Heimatlandes aus unterschiedlichen Perspektiven, „Menschensohn“, ein hundert Jahre umfassendes Etappen- und Episoden-Buch, hat das leidende paraguayische Volk zum Helden; „Ich der Allmacht tige“ zeigt die politische Situation in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Blickwinkel des caudillo Francia, der sich 1816 von dem Versammelten Kongreß auf Lebenszeit zum Diktator der – erst kürzlich von Spanien freigewordenen – Republik Paraguay ernennen ließ –

Augusto Roa Bastos: „Ich der Allmächtige“, Roman, aus dem paraguayischen Spanisch von José A. Friedl Zapata; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1977; 464 S., 38,– DM.

José Caspar Rodriguez de Francia, der sich selber als „Yo el Supremo“ („Ich der Allmächtige“) bezeichnete, war Begründer des Staates Paraguay; ein gefühlskalter, gnadenloser Beherrscher seiner Untertanen, denen er zwar die Freiheit zuerkannte, sie ihnen durch sein Spitzel- und Schreckensregime aber wieder entzog. Der „Supremo“, der sich bisweilen auch „Ewiger Diktator“ nannte und sich wegen seiner vermeintlichen politischen Allmacht an der Stelle Gottes wähnte, an den er im übrigen nicht glaubte, wurde bereits in „Menschensohn“ von Roa Bastos vorgeführt in der Erzählung eines Guaraní-Indianers, der über den schicksalsgebietenden Herrn mit dem unbeugsamen Willen voll Angst sagt: „Stets schlief er mit einem wachen Auge. Nichts, niemand täuschte ihn...“

Der Allmächtige Diktator der Republik, den die Indios als Karaì-Guasú, als Großen Herrn, fürchteten und verehrten, hatte die politische Vision, sein einst von Peru, später vom Vizekönigreich am La Plata beherrschtes Binnenland zum Herzstück ganz Südamerikas zu machen. Doch bald blieb von der Absicht, das paraguayische Volk von spanischen wie auch von argentinischen und brasilianischen Einflüssen freizuhalten, nichts übrig als erbarmungslose Gewaltherrschaft über die Mitbürger. Die Selbständigkeit Paraguays wurde zu einer Passionsgeschichte für die Menschen aller Schichten und, auf verborgene Weise, zu einer Bürde für den Unterdrücker selber.