Von Eberhard Stammler

Im deutschen Protestantismus haben sich im Ge-

gensatz zu seiner Tradition während der Nachkriegszeit einige auffallende Schwankungen nach links abgezeichnet. Während bis dahin bei ihm die schwarz-weiß-rote Grundfarbe vorgeherrscht hatte, erfuhren seitdem rote und rötliche Tendenzen eine eigenartige Aufwertung. Angesichts dessen wäre es gewiß ein verdienstvolles Unternehmen, mit Sorgfalt den Charakter, die Relevanz und die Motive dieser Bewegungen zu untersuchen und sie in das Gesamtpanorama des Protestantismus einzuordnen. Eine solche Erwartung richtet sich auf

Jens Motschmann und Helmut Matthies (Hrsg.): „Rotbuch Kirche“; Seewald Verlag, Stuttgart 1976; 240 Seiten, 22,– DM.

Allein der Titel des Sammelbandes scheint so viel Aufmerksamkeit gefunden zu haben, daß er in kurzer Zeit schon eine dritte Auflage erfuhr, wobei allerdings einzukalkulieren ist, daß der Verlag – nach eigenem Bekunden – mit Hilfe großzügiger Spenden einen erheblichen Posten an alle Welt gratis verschickte.

Ein kleines Team junger Theologen und Studenten hat sich hier die ehrgeizige Aufgabe gestellt, den Nachweis zu führen, daß sich die evangelische Kirche „in zunehmendem Maße von linken Ideologen beeinflussen“ läßt. Nach ihrer These „ist der Antichrist – diesmal von der linken Seite – so geschickt in die Kirche eingedrungen, daß er von Jahr zu Jahr weniger erkannt wird und mit Unterstützung der offiziellen Kirche ungehemmt seine Positionen ausbauen kann“. Schon dieser Ansatz läßt nicht eine sachliche Bestandsaufnahme, sondern eine polemische, von fixen Vorurteilen besetzte Absicht in jenen Untersuchungen vermuten. Die Lektüre bestätigt dies in einem nahezu erschreckenden Ausmaß.

Soweit die Autoren gewisse Koalitionen mit linken Ideologien etwa in den evangelischen Studentengemeinden oder im Religionsunterricht registrieren, lassen sich diese Beobachtungen zwar nicht von der Hand weisen, aber sie selber müssen einräumen, daß das von ihnen hergestellte Horrorbild schon der Vergangenheit angehört, daß heute „wie an den Universitäten, so auch in der Kirche der linken Bewegung weithin die Luft ausgegangen“ ist. Schlimm jedoch sind die törichten und fahrlässig aufgelesenen Materialien, die belegen sollen, daß die Akademien, die Publizistik und auch die Kirchenleitungen der linken Propaganda zum Opfer gefallen seien und daß deshalb der „Augiasstall der Kirche“ von dem „marxistischen Unrat“ gesäubert werden müsse.