Von Hanns Grössel

Heute morgen gegen zehn Uhr betrat Antonio Kreuz, Etagenkellner im Hotel des Palmes, das Zimmer 224, bewohnt von dem französischen Staatsbürger Raymond Roussel, der am 20. Januar 1877 in Paris geboren ist; Kreuz stellte fest, daß besagter Roussel tot auf einer Matratze lag, die auf dem Fußboden angebracht war ..." Dies war die erste offizielle Nachricht, ein Telegramm der italienischen Staatspolizei vom 14. Juli 1933, über den Tod des französischen Schriftstellers. Raymond Roussel ist 1877 geboren und 1933 gestorben. Kurz vor seinem Tode hatte er genaue Anweisungen für die Veröffentlichung eines Bandes gegeben, der erst 1935 unter dem Titel "Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe" erschien und unter anderem Aufschluß über seine bis dahin geheimgehaltene literarische Methode gab. Mit der posthumen Enthüllung korrigierte er in gewisser Weise seine Lebensdaten und verwies nachdrücklich darauf, daß sein Leben von seinem Tode aus zu betrachten und zu deuten sei.

Daß Roussel Selbstmord begangen und nicht versehentlich eine Überdosis von Barbituraten genommen hat, ist nicht zweifelhaft. Und der Selbstmord entsprang keinem spontanen Entschluß, sondern war von sehr langer Hand geplant, ja, er gehörte zu einem strengen Programm, in dem Leben und Schreiben aufs engste miteinander verknüpft waren. Die Außenansicht seines Lebens läßt das nicht vermuten. Raymond Roussel stammte aus großbürgerlichem Pariser Milieu – sein Vater war ein erfolgreicher Börsenmakler –, und er hatte zeitlebens so reichliche Geldmittel, daß er auf eigene Kosten seine Bücher drucken und seine Theaterstücke aufführen lassen konnte. In einem autobiographischen Abriß schreibt Roussel, an seine Kindheit habe er "eine köstliche Erinnerung behalten. Ich kann sagen, daß ich damals mehrere Jahre vollkommenen Glücks erlebt habe".

Seine Mutter nahm ihn aus dem Gymnasium; er besuchte statt dessen das Konservatorium und bemühte sich als Sechzehnjähriger, Melodien zu selbstgeschriebenen Versen zu komponieren. Das Komponieren fiel ihm schwer, das Versemachen leicht – er entschied sich für die Literatur und schrieb in einem ersten "Arbeitsfieber" die Versdichtung La Doublure: die Geschichte eines erfolglosen Schauspielers, in die sehr detaillierte Beschreibungen der Karnevalszüge von Nizza eingefügt sind. Diese Erstlingsarbeit erschien am 10. Juni 1897 und hatte keinerlei Resonanz; sie war ein Mißerfolg, der Roussel nach eigener Aussage einen "Schock von schrecklicher Heftigkeit" versetzte, er hatte das Gefühl, "von einem ungeheuren Ruhmesgipfel bis auf den Boden hinuntergestürzt zu werden", und aus diesem Schock erwuchs "eine entsetzliche Nervenkrankheit".

Ich blute über jedem Satz

Roussel wurde – wahrscheinlich bis an sein Lebensende – Patient des Psychologen Pierre Janet, der kein Analytiker war und sich mit der Lehre Sigmund Freuds nur höchst oberflächlich auseinandergesetzt hatte. Janet neigte vielmehr zu der Uberzeugung, psychischen Störungen liege ein organisches Leiden zugrunde, und mehrere Indizien lassen darauf schließen, daß er in den Sitzungen mit Roussel ein Hypnoseverfahren anwandte. In einem seiner Werke schildert Janet den Fall Roussels, den er "Martial" nennt, und zitiert von ihm Äußerungen über den euphorischen Schaffensrausch, in dem er La Doublure geschrieben hatte; danach fühlte sich Roussel "von Strahlungen umgeben": "Lichtstrahlen drangen aus mir hervor und durchquerten die Wände, ich trug die Sonne in mir und konnte dieses ungeheure Blitzen meiner selbst nicht verhindern. (...) Ich habe in diesem Augenblick mehr gelebt als während meines ganzen Daseins."

Das Schlüsselwort dieser Schilderungen ist la gloire, in seiner doppelten Bedeutung von abstraktem Ruhm und konkreter, physischer Strahlenglorie. Es wird zum traumatischen Kernwort von Roussels ganzer Existenz, und mit allem, was er tut, wird er versuchen, das Grunderlebnis dieser gloire in ihrer Ungespaltenheit herbeizuführen. Was er sucht, ist das Einssein mit sich selbst, wie er als Neunzehnjähriger war, ein Zustand der Autarkie und Freiheit, der letztlich nur durch den Stillstand, ja durch ein Zurückgehen in der Zeit zu erreichen wäre. Weil das nicht zu haben ist, weil sich die Zeit-Räumlichkeit der Außenwelt durch keinerlei Zwang beikommen läßt, erregte Roussel sich seinerseits immer stärkere Zwänge auf, um so vielleicht das Unmögliche möglich zu machen.