Über das Schicksal und die Leistung der 50 000 deutschen Juden, die in den Jahren von Adolf Hitlers Machtergreifung bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Palästina einwanderten, ist in Deutschland nur wenig bekannt. Die Veröffentlichung der über Israel hinaus bekannten Journalistin

Gerda Luft: „Heimkehr ins Unbekannte. Eine Darstellung der Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Palästina vom Aufstieg Hitlers zur Macht bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1933–1939. Mit einem Vorwort von Willy Brandt“; Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1977; 142 Seiten, 12,– DM,

eine Mischung aus Erlebnisbericht und Problemstudie, vermittelt einen intensiven, umfassenden Eindruck von den Schwierigkeiten, mit denen die vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nach Palästina geflüchteten Juden konfrontiert wurden.

Es waren nur knapp zehn Prozent der vor dem Jahre 1933 in Deutschland ansässigen Juden, die sich auf den Weg ins Unbekannte – in Richtung Palästina – machten. Die Schwierigkeiten und Probleme, die sich aus der Umsiedlung nach Palästina ergaben, waren ganz spezifischer Natur. Besonders die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen, die die Einwanderer in Palästina vorfanden, standen einer Integration entgegen. Auch die Berufsschichtung der Einwanderer entsprach in keiner Weise den Bedürfnissen des Landes, das sich zu dieser Zeit noch in einem vorkapitalistischen und vorindustriellen Zustand befand. Landwirte, die notwendig gewesen wären, gab es unter ihnen nur wenige. Die Mehrzahl war im Handel, im Handwerk und vor allem in akademischen Berufen in Deutschland tätig gewesen. Für sie gab es kaum eine Möglichkeit, die einst erlernten Berufe auszuüben. Fast zwangsläufig war deshalb mit der Einwanderung gleichzeitig ein sozialer Abstieg, die Herabsetzung des Lebensstandards verbunden.

Im Gegensatz zu allen anderen Immigrationswellen war die Einwanderung der deutschen Juden ein in hohem Maße organisiertes Unternehmen, hauptsächlich von der unermüdlichen Tatkraft jüdischer Selbsthilfeorganisationen getragen. Vorbereitung und Durchführung der Umsiedlung aus NS-Deutschland, der Vermögenstransfer, die Arbeitsvermittlung, der Sprachunterricht sowie die bereits legendäre Berufsumschichtung und andere Hilfsmaßnahmen waren beispielhaft. Der Jischuw erhielt in einer wichtigen Entwicklungsphase ein Reservoir an wissenschaftlich und praktisch hochqualifizierten Kräften, die – trotz aller Schwierigkeiten – entscheidend zum Aufbau des jüdischen Sektors in Palästina beigetragen haben.

Die Einwanderergruppe hat die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der jüdischen Gesellschaft Palästinas tiefgreifend verändert. Unter ihrer Beteiligung und Einwirkung hat sich die industrielle Produktion im Lauf der Jahre vervielfacht, die Technik modernisiert und die Landwirtschaft, der sich ein Fünftel der Einwanderer zuwandte, an Umfang und Produktionskraft zugenommen. Am sichtbarsten fand der Einfluß der sogenannten „deutschen Alija“, die als eine typische Mittelstandseinwanderung bezeichnet worden ist, seinen Niederschlag in den Städten, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild vielfach einen europäischen Charakter annahmen. Der Stil der Häuser, die öffentlichen Anlagen, das Aufkommen einer verfeinerten Wohnkultur zeugen noch heute davon. Die Lehr- und Forschungseinrichtungen, die von der Einwanderung der vielen akademisch ausgebildeten Fachleute profitierten, erlebten einen ungeahnten Aufschwung. Auch auf künstlerischem Gebiet war der Beitrag der Einwanderer zu spüren: So war das von Bronislaw Hubermann ins Leben gerufene Philharmonische Orchester, das heute einen internationalen Ruf genießt, bei seiner Gründung 1936 fast ausschließlich mit Künstlern besetzt, die aus NS-Deutschland vertrieben worden waren.

Es wird oft gefragt, warum in Palästina, später in Israel, Juden aus Deutschland nur selten in führende politische Positionen aufgerückt waren, warum sie nicht einen eigenständigen Beitrag in der Politik geleistet hätten. Sie waren hervorragende Verwaltungsfachleute und glänzende Juristen, ohne deren Mithilfe der Aufbau einer eigenen Verwaltung und eines eigenen Justizapparates kaum möglich gewesen wäre. Aber sie standen mit wenigen Ausnahmen immer nur im zweiten Glied, gelangten nie bis zum Zentrum der Macht. Gerda Luft vermutet, es sei ein Erbe gewesen, das die Juden aus Deutschland mitgebracht hätten. Sie hätten nie zur herrschenden Klasse – Regierung, Grundbesitzer, Industrielle – in Deutschland gehört. Die höchsten Beamtenpositionen wären ihnen ebenso wie höhere Militärstellen verschlossen gewesen. Niemals hätten sie gelernt, politische Entscheidungen zu treffen. Das Wesen der Macht sei ihnen deshalb immer fremd geblieben. In diesem Punkt liegt nach Ansicht der Verfasserin, die ihre in langen Jahren gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen überzeugend vorstellt, die wichtigste Erklärung für das Versagen der deutschen Einwanderer auf dem Gebiet der Politik.

Zur Aufklärung und Information ist Gerda Lufts Veröffentlichung außerordentlich geeignet. Es ist aber auch ein Verdienst, das dem Verlag hoch angerechnet werden muß, das Buch in sein Programm aufgenommen zu haben. „Ich begrüße es sehr“, schreibt ganz in diesem Sinne Willy Brandt in einem Vorwort, „daß man auf beiden Seiten inzwischen den Mut gefunden hat, gemeinsames Erbe wiederzuentdecken, es vorbehaltloser anzunehmen und das Neue mit Aufmerksamkeit und vielfach sogar mit Sympathie zu prüfen“.