Trotz aller Beweise: Die Deutschen bestreiten weiterhin jede Beteiligung am Uran-Geschäft

Regierungssprecher Klaus Bölling spricht von einem „Klabauterschiff“ und wehrt im übrigen ab: „Es gibt kein Indiz dafür, daß amtliche Stellen beteiligt waren!“ Wenig später meldet sich auch Kurt Georg Kiesinger zu Wort. Nie hätte er „gebilligt und geduldet“, was ihm jetzt unterstellt werde. Lapidarer Kommentar seines früheren persönlichen Referenten Neusel: „Alles Unsinn.“ Unterstellt hat das US-Nachrichtenmagazin Time dem ehemaligen Regierungschef, unter seiner Kanzlerschaft habe Bonn über Geheimdienstkanäle daran mitgewirkt, Israel zu 200 Tonnen Natururan zu verhelfen.

Der Vorgang ist seit Wochen bekannt und wäre leicht als Seemannsgarn abzutun, wäre er nur pikant. Er ist aber in höchstem Ausmaß brisant und darüber hinaus voller Widersprüche. Am 17. November 1968 verließ der Seefrachter „Scheersberg A“ mit 200 Tonnen Natururan an Bord Antwerpen und schipperte via Genua (ZEIT Nr. 21). Dort sollte die Ladung von der 1974 in Konkurs geratenen Chemie-Firma Asmara bei der belgischen Société Generale des Minerais gekauft, gelöscht und dem Käufer, der Mailänder Firma Saica, übergeben werden.

Schiff und Ladung tauchten indes nie in Genua auf. Erst später wurde der Frachter unter anderem Namen wieder entdeckt. Die 200 Tonnen Uran im Wert von fast vier Millionen Mark blieben verschwunden. Vermutungen in Brüssel, Sitz der Euratom-Versorgungsbehörde, über die der Handel mit Spaltstoffen abgewickelt wird, führten mal nach Israel, mal nach Marokko. Time will nun herausgefunden haben, die Uranladung sei auf hoher See im Mittelmeer auf ein israelisches Schiff umgeladen worden.

Einen handfesten Beweis dafür haben die schon 1969 in Belgien, Italien und der Bundesrepublik ausgeschwärmten Polizisten und Geheimdienstler aber angeblich nicht gefunden – eine der vielen Merkwürdigkeiten dieses Falls. Immerhin waren die offiziellen Fahnder nicht auf der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen, sondern nach einem 1150 Bruttoregistertonnen messenden Frachter samt seiner kompletten Besatzung. Daß kein Mitglied dieser Besatzung je wieder dingfest gemacht werden konnte, muß als sehr unwahrscheinlich gelten. Just das aber behaupten die Behörden.

Weitere Merkwürdigkeiten kamen schließlich zutage, als die Affäre nach neun Jahren Anfang Mai dieses Jahres erstmals an die Öffentlichkeit drang. Der frühere Eigentümer der Wiesbadener Asmara, Herbert Scharf (75 Prozent-Eigner), „ist über die ganze Geschichte nicht orientiert“, wie der angeblich Verschollene gegenüber der ZEIT erklärte. Ex-Prokurist Wilhelm Bargon weiß auf Befragen auch nichts und vermutet, „irgendwelche Leute haben einfach unseren Namen benutzt“. Überdies sei die Firma für solche Geschäfte viel zu klein gewesen. Das stimmt schon nicht. Ein Uran-Geschäft dieser Art könnte sogar von einem Ein-Mann-Unternehmen abgewickelt werden. Unwissend stellt sich auch der damalige Asmara-Miteigentümer Herbert Schulzen. Das war am 10. Mai.

Inzwischen aber hat die EG-Kommission in ihren alten Akten geblättert und einige Fakten erhellt, die nur einen Schluß zulassen: Mindestens einer der Beteiligten zwischen Bonn, Brüssel und Wiesbaden tischt Lügen auf – und zwar recht dicke. Fest steht nach den Ermittlungen in Brüssel, daß die Asmara-Chemie das Uran in Belgien gekauft hat und daß es ursprünglich für die Mailänder Saica bestimmt war. Ein hoher EG-Beamter bezeichnet die Unwissenheit von Herbert Scharf denn auch als „völlig abenteuerlich“. Noch abenteuerlicher aber ist die Unkenntnis von Geschäftsführer Schulzen. Mit ihm hat die Euratom-Versorgungsagen- tur nach dem Verschwinden des Schiffes korrespondiert. Brüssel jedenfalls sagt: „In dem Briefwechsel findet sich keinerlei Anhaltspunkt für das, was von den Asmara-Leuten heute behauptet wird. Es wurde im Gegenteil nie bestritten, daß es die Asmara in Wiesbaden war, die die Uran-Transaktion zwischen Antwerpen und Genua in Gang gebracht hatte.“