Die niederländischen Parlamentswahlen vom 25. Mai standen im Schatten eines doppelten Terroranschlages: Am Montag hatten südmolukkische Extremisten einen Schnellzug mit 60 Passagieren und eine Schule mit 105 Kindern in ihre Gewalt gebracht.

Die beiden Geiseldramen wurden nur wenige Kilometer voneinander entfernt in der Nordprovinz Drenthe inszeniert. Hier – in der Nähe der Stadt Groningen – siedelt ein Großteil von insgesamt 36 000 Molukkern in einem politischen Niemandsland: Der eigene Staat im indonesischen Inselreich bleibt ihnen verwehrt, doch gleichzeitig sträuben sie sich gegen die Integration in die holländische Gesellschaft. In der Nordprovinz liegt auch das Städtchen Beilen, das im Dezember 1975 Schauplatz eines fast identischen Terroranschlages war. Damals hatte ein Trupp bewaffneter Südmolukker einen Zug gekapert und bis zu 60 Geiseln zwölf Tage lang festgehalten. Kaltblütig erschossen die sieben Zugpiraten zwei ihrer Opfer; sie wurden dafür im März 1976 zu je vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Hauptziel der jüngsten Terroraktion war die Freilassung von insgesamt 21 molukkischen Häftlingen, unter ihnen auch eine Gruppe, die 1974 wegen der geplanten Entführung von Königin Juliana verurteilt worden war. Anschließend sollen die Freigelassenen per Flugzeug außer Landes gebracht werden.

Dahinter steht jedoch ein altes politisches Ziel: Wie 1975 soll das Geiseldrama die Aufmerksamkeit der Welt auf das seit fast 30 Jahren schwelende Nationalitäten-Problem der Südmolukker lenken. Das Problem entstand im Jahre 1949, als die Holländer Indonesien nach einem blutigen Kolonialkrieg in die Unabhängigkeit entließen.

Die Südmolukker (auch Ambonesen genannt) hatten den Hauptteil der niederländischen Kolonialarmee gestellt. 1950 riefen sie auf der Insel Ambon die Unabhängigkeit aus. Doch die "Republik Maluku Selatan" blieb ein Traum: Kurz darauf besetzten die indonesischen Nationalisten die südmolukkischen Inseln. Mit der Proklamierung eines straff gelenkten Zentralstaates zerschlug der siegreiche Nationalistenführer Sukarno alle Unabhängigkeitshoffnungen der Südmolukker. Die Ambonesen gerieten in die Gefahr, als Abtrünnige und Verräter verfolgt zu werden.

Der Regierung in Den Haag blieb nichts anderes übrig, als den königstreuen farbigen Soldaten "vorübergehendes" Asyl in Holland zu gewähren. Im Frühjahr 1951 übersiedelten rund 4000 südmolukkische Kolonialkrieger mit etwa 9000 Familienangehörigen ins niederländische "Mutterland". Hier leben sie und ihre Nachkommen immer noch in Lagern und Slums und träumen von ihrer unabhängigen Republik.

1975 griffen die radikalisierten Nachfahren der Kolonialsoldaten zur Waffe, um die Regierung in Den Haag zu zwingen, bei den Vereinten Nationen und in Djakarta zugunsten der staatlichen Unabhängigkeit für rund 1,5 Millionen Südmolukker zu intervenieren. Eine andere Gruppe, die "Einheitsbewegung" unter der Führung des Pfarrers Metiary, hat im letzten Jahr einen noch abenteuerlicheren Kurs eingeschlagen. Laut geheimen Dokumenten, die in der Zeitschrift De nieuwe Revu veröffentlicht wurden, hat sich Metiary 1976 dreimal mit Vertretern Vietnams in Paris getroffen. Vietnam soll die Anerkennung einer südmolukkischen Republik sowie "materielle und politische Hilfe" versprochen haben. Als Gegenleistung forderte Vietnam die Errichtung eines von Ost und West unabhängigen "sozialistischen" Staates nach Hanoier Vorbild, um – wie es heißt – den amerikanischen Ring zu durchbrechen, der Japan, Indonesien und die Philipinen umfaßt. Josef Joffe