Der Heilige Geist hat Phantasie – Seite 1

Von Klaus Reblin

Berlin, im Juni

Siebzehn Uhr: Straßensperrung – Einfahrt der Tieflader in den Sperrbereich – Aufbau der Podien – Verlegen der Stromanschlüsse – Befestigung der Meditationsbilder – Einfahrt der Autokräne – Anlieferung von Material und Instrumenten ("nur mit Einfahrtschein!") – Aufstellung von "Samsons und Delilas feuerrotem Songmobil". 18.30 Uhr: Ausfahrt der Transportfahrzeuge aus dem Sperrbereich. 19.00 Uhr: Bild "Mann mit Kind", "Esel", "Fruchtbaum", "Weltkugel" – Musik – Bildmeditation – Einstimmung – Singen. 20.00 Uhr: Alle Podien in Aktion – Meldungen Block 1 – Trailers – Meldungen Block 2. 20.45 Uhr: Posaunen – Grußworte – große Begegnung. 23.00 Uhr: Posaunen blasen zur guten Nacht – Einfahrt der Transporter – Ausfahrt von Kränen und Tiefladern. 24.00 Uhr: Aufhebung der Straßensperrung.

So sieht der technische Ablauf des Deutschen Evangelischen Kirchentages 1977 aus, der am 8. Juni in Westberlin eröffnet wird: ein strategisches Konzept, das den kritischen Blick selbst eines routinierten Generalstäblers nicht zu scheuen braucht. Vor ein paar Jahren wurde das große Laientreffen schon totgesagt: Kirchentag, das sei eine Nachkriegserscheinung, erwachsen aus dem religiösen Nachholbedarf der Zeit des Dritten Reiches, aber ohne Zukunft, jedenfalls, was seine Größe betrifft. Aber die Pessimisten, behielten nicht recht. In diesem Jahr haben fünfundfünfzigtausend Dauerteilnehmer ihre Gebühr von dreißig Mark für das protestantische Stelldichein überwiesen, die Tagesgäste und die Heerscharen aus Berliner Gemeinden, die nur zur Schlußveranstaltung kommen können, weil sie arbeiten müssen, nicht gerechnet.

Und sie kommen trotz der militanten Gegenpropaganda des evangelikalen, orthodoxpietistischen "Gemeindetages unter dem Wort" vor vier Wochen. Diejenigen, die "im Namen Christi" schon seit langem gegen das kritische Denken der neueren Theologie, gegen den "geschlechtslosen Einheitsstil" heutiger Kleider- und Haarmode, gegen die "triebbetonten Rhythmen der Popmusik", gegen "uns unsichtbar verfolgende Computer", gegen die "Zersetzung von Autorität, Ordnung und Sexualmoral" und die Bestrebungen "sozialistischer Schulreform" wettern – diese Versammlung hatte am Himmelfahrtstag in Dortmund mit Luftballons und harten Bandagen die Unvereinbarkeit von Gemeindetag und Kirchentag proklamiert. Den Aufbruch der Fünfundfünfzigtausend nach Berlin konnten sie indes nicht hindern. Dazu ist die Kirche, wie sie sich jetzt in Berlin darstellt, zu freundlich, zu menschlich, auch zu attraktiv und zu phantasievoll. Und wenn Phantasie, wie ich glaube, etwas mit dem Heiligen Geist zu tun hat, dann muß man sich, um ihn in den Griff zu bekommen, schon etwas Besseres einfallen lassen als Unvereinbarkeitserklärungen.

Worin liegt der Grund für die neue Anziehungskraft des Kirchentages? Einmal in seiner Thematik. Das Leben in der Bundesrepublik wird gegenwärtig von der tiefsten Krise seit Kriegsende geschüttelt. Man spricht von der "Unregierbarkeit" politischer Strukturen, die Konjunktur kommt und kommt nicht in Schwung, die Arbeitslosenzahlen wollen nicht sinken, die Berufsaussichten von Schülern und Studenten sind so düster wie nie vorher. Der Glaube an die Machbarkeit aller Dinge ist uns gründlich abhanden gekommen. Ja, wir wissen nicht einmal, ob wir alles machen dürfen, was wir machen könnten. Siehe Brokdorf. Siehe medizinischer Fortschritt. Statt dessen diskutieren wir plötzlich überall über die Notwendigkeit alternativer Lebensstile, aber auch wieder über die traditionelle Frage nach Sinn und Funktion menschlichen und gesellschaftlichen Leidens, wenngleich vermittelt mit der neuzeitlichen Frage nach seinen Ursachen und ihrer möglichen Beseitigung.

In dieser Situation hat man als Rahmenthema des Berliner Kirchentages das Bibelwort "Einer trage des andern Last" gewählt, eine Losung, die das wachsende Bedürfnis der Menschen nach mehr gegenseitiger Zuwendung, nach mehr Solidarität und Stellvertretung aufnimmt und ihm entgegenkommt. Diese Losung wird in Berlin jedoch nicht – wie bei den Kirchentagen in den fünfziger Jahren – mehr oder weniger losgelöst von der Aktualität des Lebens interpretiert, sondern sie wird kühn und mitunter naiv projiziert in die unmittelbaren Existenzkrisen des einzelnen und der Gesellschaft.

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Was meint es, anderer Leute Lasten zu tragen, für den Bereich von Strafvollzug und Resozialisierung? Was bedeutet die Losung, wenn es um Gastarbeiter, Farbige, arbeitslose Jugendliche und alleinstehende Mütter geht? Was heißt gegenseitige Solidarität in den Beziehungen zwischen Gesunden und Kranken? Gibt es so etwas wie eine "Krankheit der Gesunden" und eine "Gesundheit der Kranken"? Wo werden wem Menschenrechte vorenthalten, nicht nur in Chile, sondern auch hierzulande? Wie müßte ein neuer, auf Solidarität und Stellvertretung basierender Lebensstil aussehen?

Und dann die außen- und weltpolitischen Perspektiven des Themas: Dritte Welt und Hungerproblem, Rassismus im südlichen Afrika, Armut, Unterdrückung der Freiheit und Folter in Lateinamerika und Asien, internationaler Waffenhandel. Wer das Programmheft für Berlin aufmerksam studiert, stellt fest, daß der Kirchentag kein Tabu respektiert; ein Zeichen dafür, daß die Kirche möglicherweise doch soetwas wie eine letzte Bastion der Unabhängigkeit in unserer Gesellschaft ist. Der Besucher des Kirchentages wird nur selten schnelle Lösungen finden. Aber in jedem Fall wird er gleichgesinnten, in gleicher Weise bedrohten Menschen begegnen, mit denen er sich austauschen kann.

Eine Frage freilich vermag ich angesichts des weitgefächerten Themenangebots nicht zu unterdrücken: Kann man nicht auch zu viele Themen aufgreifen? Gerät der Kirchentag: nicht in die Gefahr, sich zu verzetteln und sich an den Lasten der anderen zu verheben? Wäre nicht eine stärkere Konzentration der Ideen und Kräfte nötig? Eines allerdings wird man dem Kirchentag nicht vorwerfen können: selektive Solidarität, Einseitigkeit in der Stellvertretung. Wer das tut, ist schlecht informiert. Eher könnte man dem Kirchentag vorwerfen, er tanze auf zu vielen Hochzeiten. Aber das ist kaum, zu vermeiden, wenn diese Institution demokratisch bleiben will, wenn das Gesamtkonzept wie die Details, nach dem Willen der Veranstalter "weder verordnet noch von oben gestaltet, sondern ‚von unten‘ mitgeprägt, mitveranstaltet und mitverantwortet" werden sollen. Ich meine auch: Besser zuviel als zuwenig Mündigkeit und Freiheit.

Durch die unmittelbare Beteiligung unzähliger Gruppen und Gemeinden an Planung, Vorbereitung und Durchführung hat man tatsächlich ein Höchstmaß an Ideen, Phantasie und Kreativität erreicht. Es ist atemberaubend, was da alles präsentiert wird auf dieser "Mustermesse" des deutschen Protestantismus.

In hundertacht Kojen des "Marktes der Möglichkeiten", nach "Markbereichen" gegliedert und mit "Hausnummern" versehen, gibt es nichts, was es nicht gibt: Anregungen für kirchliche Werbung, Beratungsstellen für Erziehungs-, Jugend- und Ehefragen, "Studium zwischen Karriere und Duckmäusertum", Informationen über die Leiden der Theologieprofessoren, Gemeinwesenarbeit, Dritte-Welt-Läden, Stände von CDU, SPD und Taiwanesen. Daneben ein "Zentrum Abendmahl" und ein "Zentrum Gottesdienst", Straßenfeste im Wedding, Kreuzberg und Alt-Buckow-Dorf, "rund um den höchsten Kirchturm in der kürzesten Straße". Selbst ein "Drive-in-Gottesdienst für Motorradfahrer und ihre Maschinen" ist vorbereitet, geleitet von "Motorradpfarrer Manfred Dörr, Köln".

Und schließlich die großen Experimentier-Gottesdienste: Donnerstag eine lateinamerikanische Beatmesse ("hören und trauern, singen und Mut schöpfen, Brot brechen und Wein austeilen, die Kontinente zusammenrücken, die Christen zusammenschweißen, gegen die eigene Ohnmacht anglauben und anhandeln"), Freitag eine "Liturgische Nacht für Lastenträger auf den Spuren des dreiundzwanzigsten Psalms" mit "Wegen zur Entdeckung, zur Erquickung, zum Vertrauen und zur Stärkung, mit Oasen, Durststrecken und Wegzeichen", und Samstag ein "Abend der Meditation", bei dem man sich entspannen und versenken, sich dem anderen zuwenden und erzählen, aber auch essen und trinken kann. Dabei sitzt oder liegt man auf dem Teppichboden ("Decken und Sitzgelegenheiten sind mitzubringen").

Es gibt Leute, die in Berlin ein orientierungsloses, unverbindliches Skurilitätenkabinett befürchten. Ist diese Gefahr real? Ich glaube nicht. Die großen Krisen werden sich schon zu Wort melden und nach Antwort fragen, und die unmittelbar Betroffenen, die Leidenden werden schon aufbegehren, wenn man ihnen Steine statt Brot bietet.

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Klaus Reblin ist Hauptpastor in der St. Katharinenkirche in Hamburg.