Christen sträuben sich gegen Propaganda

Solche Einmütigkeit, selbst unter Christen hüben und drüben, ist selten geworden in Deutschland: Erst verweigerten die CDU-Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche ihre Unterschrift unter den Aufruf zur Gründung eines "Brüsewitz-Zentrums"; dann zogen andere, prominente Christdemokraten wie Gerhard Schröder, Heinrich Köppler und Hans Filbinger ihre Namensnennung zurück. Sozialdemokraten hatten sich von Anfang an verweigert. Nur Strauß und Dregger stehen noch, Luther gleich, zu ihrem Votum. Sie können nicht anders, Rollen wohl auch nicht anders.

Aber hat es denn, wie ein Anhänger des Zentrums behauptete, überhaupt etwas mit dem protestantischen Rebellen zu tun? Ist die Kirche, nur weil sie sich nicht als Magd billiger Propaganda verdingen lassen will, bereits am Ende? Sind jene gleich feige, die sich scheuen, vor diesen Karren angeblicher Menschenrechtskämpfer gespannt zu werden?

Fast ein Jahr nach der spektakulären Selbstverbrennung des Zeitzer Pastors soll nächste Woche in Bad Oeynhausen jenes obskure, von einem Studenten initiierte "Brüsewitz-Zentrum" eröffnet werden – als eine Art Anklagebehörde und Beschwerdestelle in Sachen "DDR-Kirchenkampf". Vorgesehen ist die Veröffentlichung von Verletzungen der Menschenrechte, die Organisation von Hilfsaktionen und "Bildungsseminaren" wie auch die Betreuung von Aussiedlern und Flüchtlingen. – Und das alles soll aus purer Christealiebe geschehen.

So berechtigt der Zorn darüber sein mag, daß der SED-Staat einem trotzigen Pfarrer nur den Ausweg des Freitodes ließ, 1 daß er ihn danach auch noch diffamierte, so bedenklich ist der Versuch, daraus, agitatorisches; Kapital zu schlagen. Unsere Reaktion auf dieses Fanal von Zeitz darf nicht die-der Reaktionäre sein? Den Christen in der DDR jedenfalls, die Anfeindungen und Anfechtungen widerstehen, ist damit nicht geholfen. Im Gegenteil: Sie müssen dafür, daß sie unfreiwillig vereinnahmt werden, vielleicht noch mehr erleiden.

Darum hatte der EKD-Rat von Anfang an vor dem zwielichtigen Oeynhausener Unternehmen gewarnt, der rheinische Präses Immer kürzlich noch einmal die Unterzeichner gebeten, ihre Zustimmung zu widerrufen. Wer, wenn nicht unsere Kirchenoberen, weiß, was den Christen in der DDR nottut, was ihnen hilft, was ihre ohnehin schwierige Lage noch mehr erschwert? Schon der Verdacht, daß der Tod des Pastors Brüsewitz von flinken Antikommunisten mißbraucht Werden genügt den Kirchengegnern in Ostberlin, die Schraube der Drangsalierung anzuziehen.

Noch im ersten Schock über das Selbstopfer hatte die Magdeburger Kirchenleitung zugegeben, in "ihrem Zeugnis zu unentschlossen" zu sein. Brüsewitz hatte auch gegen eine opportunistische Kirche protestiert. Das hatte sie damals schmerzlich begriffen. Aber sie hatte auch, in weiser Voraussicht, davor gewarnt, den Opfertod des verzweifelten Pfarrers "zur Propaganda gegen die DDR zu benutzen". Die Warnung freilich war gerade von jenen überhört worden, denen sie vornehmlich galt: Auf eingeschwärztem Papier, wie bei einer Trauerbotschaft, drückten sie ihren Zentrums-Aufruf, worin auch überheblich davon die Rede ist, den "Auftrag des Grundgesetzes und des Bundesverfassungsgerichtes, das Ziel der Wiedervereinigung im Inneren wachzuhalten, zu aktualisieren". Über das Grab von Brüsewitz hinweg nach Dresden und Cottbus?