Von Reinhard Lebe

Als „fürstliche Bastarain“ und „Hauptdarstellerin einer glänzend inszenierten politischen Komödie“, als Hexe, ordinäres Soldatenmaskottchen und Psychopathin, als Sozialrevolutionärin und frühe Protestantin ist Jeanne d’Arc gedeutet oder verunglimpft worden. Und noch bis in unser Jahrzehnt hinein haben Biographen hartnäckig an der Hypothese gestrickt, daß Johanna gar nicht verbrannt worden sei. Von den diversen dichterischen Stilisierungen der Gestalt gar nicht zu reden.

So begreiflich es ist, daß die Einzigartigkeit des Phänomens Jeanne d’Arc über Jahrhunderte hin die Phantasie der Interpreten aller Couleur herausgefordert hat, so abenteuerlich muten doch gerade einige neuere biographische Spekulationen an – denn kaum eine Gestalt des frühen 15. Jahrhunderts ist dokumentarisch deutlicher faßbar als die „Jungfrau von Orleans“. Auf dieses umfängliche und verläßlich edierte Quellenmaterial, namentlich die Akten des Verurteilungsprozesses von 1431 und des späteren Rehabilitationsverfahrens, stützen sich dagegen die beiden neuen Jeanne-d’Arc-Biographien:

Herbert Nette: Jeanne d’Arc in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“; Rowohlts Monographien, Reinbek 1977, 158 S., 6,80 DM.

Edward Lucie-Smith: „Johanna von Orleans. Eine Biographie“; aus dem Englischen von Hansheinz Werner; Claassen Verlag, Düsseldorf 1977, 376 S., 22 Abb., 36,– DM.

Beide Autoren gehen mit dem gleichen seriösen Ansatz an das tausendfach behandelte, mit Legendenschichten zugedeckte, durch Hypothesen vernebelte Thema. Beide wollen sie keine neue Johanna-Theorie offerieren oder neue Quellen erschließen, beide dokumentieren ihre Darstellung, besonders alle zeitgenössischen Zitate, mit offenkundiger Akribie.

Daß sich diese Johanna-Beschreibungen dennoch durch mehr unterscheiden als durch die größere Dicke des einen und die vom Reihencharakter der Rowohltschen Bild-Monographien bestimmte Dokumentarform des anderen Buches, wird – unabhängig vom Thema – keinen Biographien-Leser überraschen: Selbst eindeutig überlieferte Zitate lassen sich sehr verschieden für Porträtzeichnungen heranziehen, und was dem einen als „überlegene Geistesgegenwart“ und „Schlagfertigkeit“ erscheint, mag dem anderen – mit nicht geringerem Recht als „arrogant“ und „jähzornig“ ins Bild passen. „Objektivität“ läßt sich eben nur anstreben, nicht: realisieren.

Es ist der deutsche Historiker und Essayist Herbert Nette, der,das unverhohlen liebevolle Porträt einer noblen Jeanne d’Arc dokumentiert. Er findet in der Pucelle aus dem lothringischen Domremy, die ihren „Stimmen“ (wissenschaftlich: Halluzinationen) folgte, um Frankreich gegen die englische Fremdherrschaft zu mobilisieren, ein frommes, großherziges, selbstloses, unverbildetes Mädchen von „blitzender Intelligenz“, eine „Prophetin, die zur Märtyrerin wurde“.

„Was sich rationaler Erklärung nie ganz erschließen wird, ist die Tatsache, daß sie imstande war, den Enthusiasmus ihres Sendungsglaubens auf ihre Mitstreiter zu übertragen. Gewiß befand sie sich in einer, von ihr unbewußt genutzten, Übereinstimmung mit den kollektiven ... Stimmungen und Strömungen ihrer Zeit und Umweit. Doch bleibt das Wunder, daß ein Bauernmädchen, von Mitleid mit dem König und dem Elend ihres Volkes ergriffen, klarer als die Größen des Landes erkannte, was in der verzweifelten Situation zu tun war“, resümiert Nette.

Der Autor setzt sich kritisch und ausführlicher als Lucie-Smith mit den neueren spekulativen Johanna-Umdeutungen auseinander und zerpflückt namentlich die „Anti-Legende“ vom Überleben der Jeanne d’Arc mit all ihren Lesarten – auch dort noch sachlich und gelassen auf die Quellen verweisend, wo eine „Alkovenstory“ oder ein „hämisches Bestreben, eine große Gestalt der Geschichte zu verleumden“, schon die Ignoranz des soliden Biographen rechtfertigte. Nützlich ist auch Nettes Exkurs über Johanna in der Dichtung, textnah und instruktiv die Bebilderung dieses Taschenbuchs.

„England hat schon immer ein masochistisches Interesse alt seinen Niederlagen bewiesen“, konstatiert der englische Schriftsteller Edward Lucic-Smith (geboren 1933) am Beginn seiner ungleich umfangreicheren „Joan of Arc“ (Originalausgabe London 1976). Aber es liegt sicher nicht an seiner Nationalität, daß ihm sein Johanna-Porträt wesentlich herber geraten ist. Mit keiner Nuance beschönigt er die Schuld der Engländer an der tendenziösen Führung des Jeanne d’Arc-Prozeßes und der grausamen Verbrennung des Mädchens, und es ist durchaus keine historisch „verkleinerte“ Johanna, die uns in seiner minuziösen Rekonstruktion ihres Lebens und ihrer Kämpfe entgegentritt.

Stärker als bei Nette indessen sind in diesem Buch die in den Quellen ebenso faßbaren Widersprüche im Charakter der Heldin betont, ihr mitunter hochfahrendes, arrogantes, ungestüm-jähzorniges Auftreten, ihre Schwankungen und Depressionen, nicht zuletzt die Züge eines möglichen (von Nette viel zurückhaltender interpretierten) Transvestismus. „Ihre Unfähigkeit, normale Beziehungen der Freundschaft oder der Liebe herzustellen, würde verstärkt durch ihre eigene innere Unsicherheit, zu welchem Geschlecht sie gehörte“, schreibt Lucie-Smith. Und er folgert daraus: Man könne Johanna bemitleiden, sogar lieben, aber gleichwohl nicht die Sympathie für jene Zeitgenossen unterdrücken, „die sie verabscheuen lernten“.

Der Versuch des englischen Biographen, aus den Quellen ein „menschliches Antlitz“ zu zeichnen, seine fast nüchtern präzise (und sorgfältig übertragene) Lebensschilderung, die auch die Mithandelnden des Dramas deutlich profiliert, wird man zu den wichtigen Jeanne-d’Arc-Büchern rechnen. Ob Lucie-Smith und Nette freilich mit ihren soliden Biographien weiteren Scharlatanerien einen haltbaren Riegel vorgeschoben haben, muß nach der einschlägigen Literaturflut der Vergangenheit fraglich bleiben.