Der Erfolg der Staufer-Ausstellung in Stuttgart war vorprogrammiert. Vergleichbare Veranstaltungen wie "Rhein und Maas" in Köln (1972) oder "Kurfürst Max Emanuel" in Schleißheim (1976) haben die Anziehungskraft solcher kultur- und kunsthistorischen Retrospektiven für das große Publikum bewiesen. Das Ausmaß des Erfolges der Stuttgarter Ausstellung hat jedoch die kühnsten Erwartungen übertroffen.

An nur 72 Tagen wurden etwa 675 000 Besucher gezählt, ein kaum einholbares Rekordergebnis, vielleicht gemessen an der kurzen Laufzeit eine noch nie erreichte Zahl. Zum Vergleich andere Zahlen, die hierzulande bisher als Sensation galten: 220 000 Menschen in 51 Tagen bei Caspar David Friedrich 1974, gut 600 000 beim Jugendstil in 69 Tagen Ende 1976. Knapp 150 000 Exemplare des vierbändigen Katalogs sind verkauft worden, dazu 110 000 Exemplare eines Kurzführers (der keiner war) und 125 000 des "Staufer-Magazins", eines nützlichen und informativen Bild- und Textheftes, von dem eine Dreiviertelmillion an die Schulen des Landes von Baden-Württemberg verteilt worden sind.

Nicht veröffentlicht ist die Zahl der Besucher, die während der Ausstellungsbesichtigung zu Boden gegangen sind. Getroffen nicht vom erklärend ausgestreckten Arm eines anderen Besuchers, sondern Opfer des Sauerstoffmangels. Fraglos waren die Räume des Württembergischen Landesmuseums im Alten Schloß für diese Besuchermassen, mit denen man überhaupt nicht gerechnet, und auf die man sich nicht präpariert hatte, zu klein, belebende Entlüftung war aus konservatorischen Gründen nicht möglich. In dieser Backofenatmosphäre drängten sich nun die Besucher, in der Hoffnung, über die Köpfe hinweg oder zwischen den Armen hindurch einen Blick auf die gezeigten Objekte zu erhaschen.

Am Dienstag nach Pfingsten zum Beispiel pilgerten über 18 000 Stauferfans zu Kaiser Barbarossa. Angenommen, die von der Ausstellungsleitung errechnete durchschnittliche Verweildauer von zwei Stunden ist richtig, dann hielt sich an jedem Tag während der ganzen Öffnungszeit auf jedem der dreitausend Quadratmeter Ausstellungsfläche ein Besucher auf. Die Frage ist also: Wo war, statistisch gesehen von den Besuchern verdrängt, eigentlich die Ausstellung?

Beim Gang zu den Staufern hat die Muse des Ausstellungswesens die Transpiration vor die Inspiration durch Geschichte und Kunst gestellt. Trotzdem haben Hunderttausende die Strapazen wissend, daß solche sie erwarteten, nicht gescheut. An diesem Punkt wird das Unternehmen zum Phänomen – ein Wort, womit bekanntlich, eine nicht erklärbare Tatsache bezeichnet wird. Sicher wurde ein Teil der Besucher sozusagen willenlos durch die Ausstellung geschleust, diejenigen etwa, die beim Besuch der Bundesgartenschau die Stauffer blind mitgebucht hatten. Bei anderen war es vielleicht die Neugier, dieses Spektakel hautnah zu erleben. Zur Begründung des lemmingartigen Wandertriebs zu Kunst und Kultur des Mittelalters reicht dies allerdings nicht aus.

Hans Mayer hat vor einigen Tagen in seiner Festrede zum 125jährigen Bestehen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg die Staufer-Ausstellung als Indiz einer Gegenbewegung zur "Mißachtung des eigenen Seins und Herkommens" gewertet, "die erneut danach strebt, den Anschluß an. Herkunft, Geschichte und Überlieferung zu versuchen", als ein "Phänomen eines deutschen Selbstempfindens", das über seinen Anlaß hinausreicht. Nun besitzt das Phänomen immerhin ein Prädikat – was aber sucht das deutsche Selbstempfinden in der Geschichte? Nationale Identität in einer Situation, die gekennzeichnet ist von der Erinnerung an das einstige Reich und der Utopie, Ganzheit wieder zu erlangen?

"Was der Mensch sei, sagt ihm nur die Geschichte". Dieses Zitat von Wilhelm Dilthey ist eine Art Motto der Ausstellung. Geschichte, aufgefaßt als ein Spiegel, in dem die Gegenwart sich wiedererkennt, das wäre, als Absicht der Stauferschau vorausgesetzt, eine glänzende Rechtfertigung. Zu vermuten ist jedoch auch, daß sie in baden-württembergischen Zusammenhängen dazu diente, die Vergangenheit gegen die Gegenwart auszuspielen. Helmut Schneider