Soweit stand die Kontroverse in der ZEIT. Mittlerweile hat Sepp Binder dem Chefredakteur einen weiteren Brief von drei Seiten geschrieben und ihn samt den vorangegangenen Schriftstücken per Postwurf-Sendung über die Redaktionen des Landes verstreut. Darin argumentiert er teils juristisch, teils politisch, teils persönlich.

Die juristischen Einwendungen erhellen die Debatten wenig. Es geht um acht Punkte, Details allesamt; nur bei wenigen ist Binders Darstellung triftig (siehe nebenstehende Analyse). An Fritz J. Raddatz bleibt allerdings hängen, daß er bei der Schilderung des Verbrechens-Hergangs hauptsächlich auf das erste, verworfene Urteil zurückgegriffen hat, nicht auf das zweite. Das erste Urteil war "wegen schwerer Rechtsfehler" (Binder) aufgehoben worden; es ging dabei um die rechtliche Wertung des bedingten Vorsatzes, nicht um die Tatsachenfeststellung. Hier hätte rechtliche Auskunft wohl die Argumentation von Raddatz im einzelnen klopffest machen, nicht aber seinen Grundansatz entwerten können.

Sepp Binder ist ebenfalls Nicht-Jurist; soweit er juristisch argumentiert, bedient er sich der Vorlagen seines Hauses. Dabei mag ihm selber nicht ganz wohl sein, denn in seinem letzten Brief steht der Satz: "Über den Einzelfall Zahl vermag ich nicht zu urteilen. Die grundsätzlichen Fragen hingegen sind gewiß von allgemeinem Interesse."

Die grundsätzliche Frage: Das ist die Frage nach dem Verhältnis von Intellektuellen und Gewalt, präziser: dem Verhältnis der ZEIT zur Gewalt,. Daß der Welt-Kommentator Enno von Loewenstern, dessen Begrenztheit nur von seiner demagogischen Begabung übertroffen wird, die ZEIT-Redaktion zu den "Sympathisanten" zählt, kann nicht verwundern. Auf Raddatz münzt er die Sätze: "Um den Staat muß man Angst haben, in dem es solche Schreiber gibt. Aus dieser Saat wachsen neue Mord-Zahls und neue Mord-Zahlen." Aber Binder?

Binder hatte Raddatz gelesen. Da stand klipp und klar: "Gefälschte Pässe und Pistolen gehören nun mal nicht zur tolerierbaren Normalausstattung der Bürger". Da stand: "Wer Waffen hat und scharfe Munition, ist zumindest imstande zu schießen, hat gedanklich schon einmal geschossen". Da stand: "Ein Freibrief für sich frei schießende Ausgeflippte wird hier nicht gefordert". Und da stand ja auch eindeutig die Ablehnung von Zahls politischen Vorstellungen zu lesen.

Binder kennt die ZEIT auch von innen. Er weiß, daß wir von Anfang an "Gewalt gegen die Sache" abgelehnt haben, schon während der Anti-Springer-Demonstrationen der Jahre 1967/68. Eine einzige Anfechtung gab es, als Uwe Nettelbeck die Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung beschönigte; sie blieb auf ihn beschränkt, und er hat die ZEIT deswegen verlassen. Im übrigen war unsere Linie stets: Gelassenheit kann angesichts der anarchistischen Auswüchse allein nicht ausreichen. Die Obrigkeit muß zugleich ihre Entschlossenheit beweisen, den Rechtsstaat zu verteidigen ... Im rechtsfreien Raum, wo nur noch die Gewalt und die Brutalität entscheiden, kann auch die Freiheit nicht mehr gedeihen. Sie wird dort zum Privileg des Stärkeren ... Gewalt an Stelle eines Programms – sie darf sich keine Toleranz erschleichen. Demokraten müssen darauf beharren, daß Zwecke wohlfeil sind, letztlich aber die angewandten Mittel über die Sittlichkeit der Zwecke entscheiden." An dieser Einstellung hat sich nichts geändert und wird sich auch nichts ändern.

Persönliche Verunglimpfung des ehemaligen Redaktionskollegen und heutigen Ministeriumssprechers lag der ZEIT fern. Er sollte nicht zum Lügner gestempelt werden. So gut wie nichts an den Binder-Richtigstellungen entspreche der Wahrheit, hatte Raddatz geschrieben, sich in der Vokabel-Etage vergreifend; es ging schließlich nicht um die Wahrheit, sondern um die Richtigkeit der Behauptungen. Die Richtigkeit aber ist so eindeutig nicht. Im übrigen erweckt Binder in seinem Rundbrief den Eindruck, er habe Umstände und Inhalt der Raddatz-Antwort erst der ZEIT entnommen. In Wirklichkeit war ihm beides vorher bekannt, der Text ihm 26 Stunden vor Drucklegung per Telekopierer zugegangen.