Für das Justizvollzugsamt in Hamm ist "die Sache zunächst einmal erledigt". Erledigt wurde "Alles einschließen", ein Stück "vom Knast, aus dem Knast, über den Knast". Erledigt durch ein Spielverbot für die inhaftierten Mitglieder der vor rund anderhalb Jahren entstandenen Theatergruppe der offenen Justizvollzugsanstalt Meisenhof in Castrop-Rauxel.

"Die Leute sind eingeschlossen. Das Stück ist aus. Der Knast geht weiter. Darüber möchten wir jetzt mit Ihnen sprechen. Doch die, die das Gefangenenschauspiel "Alles einschließen" geschrieben und gespielt haben, müssen wieder schweigen. Nur zweimal konnte die aus vier Gefangenen, zwei Ex-Häftlingen, zwei Pädagogikstudenten und einem Regieassistenten bestehende Gruppe ihre theatralische Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Gefängnisalltag zur Diskussion stellen: Ende 1976 im Rahmen der Strafvollzugswochen der Volkshochschule Dortmund und im Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel.

Seitdem liegt "Alles einschließen" (trotz zahlreicher Einladungen) auf Eis. Denn: Der Leiter des Meisenhofs machte die Freistellung der inhaftierten Gruppenmitglieder für weitere Aufführungen von der Entscheidung des Justizministeriums abhängig. Ein Vierteljahr warteten die Betroffenen auf eine Entscheidung, dann, zwei Tage nach einem Zeitungsartikel ("Stück schmort drei Monate im Ministerium"), kam ein Brief aus dem zuständigen Justizvollzugsamt in Hamm. Inhalt: die Freistellung wird abgelehnt. Eines der Argumente: "Wenn tatsächlich erst die Übertragung wichtiger Rollen auf Gefangene dem Stück den glaubwürdigen Charakter geben könnte, müßten Gefangene des geschlossenen Vollzugs mitwirken und nicht solche, die infolge kürzeren oder längeren Aufenthaltes in Castrop-Rauxel den Eindrücken des geschlossenen Vollzugs bereits entwachsen sind."

Die Theatergruppe lehnt die inzwischen vom Justizministerium bestätigte Begründung als "fadenscheinig und zynisch" ab. Die inhaftierten Mitspieler hätten schließlich drei Jahre in festen Anstalten verbracht, "drei Jahre, die sie wohl kaum vergessen können, selbst wenn sie wollten". In der ihnen vorgeworfenen mangelnden Betroffenheit sehen die Theatermacher denn auch nicht den eigentlichen Grund für den ablehnenden Bescheid. Ihr Eindruck: "Unser Stück ist unerwünscht." Unerwünscht, weil es nicht ausgewogen und "objektiv" ist, sondern offen auf Mißstände in Haftanstalten weist, engagiert für einen humaneren Strafvollzug plädiert und die lange Zeit Sprachlosen zu Wort kommen läßt.

Ausgangspunkt der Szenenfolge: die eigenen Erfahrungen. Ziel der gemeinsamen Theaterarbeit: Nicht nur persönliche Biographien und Erlebnisse wiederzugeben, "sondern jene Zustände darzustellen, unter denen der überwiegende Teil der Gefangenen zu leiden hat". Kritisch beleuchtet das rund einstündige Stück verschiedene Probleme. Gezeigt wird zum Beispiel "Die Pillenstunde", in der Gefangene ("Ich brauch’ was zum Wegtreten") unter anderem größzügig mit Psychopharmaka versorgt werden. Zu sehen ist, welche Tricks beim Arztbesuch anzuwenden sind, um krank geschrieben zu werden, wie menschenunwürdig die Besuchsbedingungen in geschlossenen Anstalten sind und wie Betroffene die Situation hinter Gittern empfinden: "Du wirst hier behandelt wie ein Tier. Rein in den Käfig und fertig."

Die Chance, die vielschichtige Problematik theatralisch und in der Gruppe aufzuarbeiten, vielleicht sogar ein Stück zu bewältigen – mit dem Spielverbot (dem Mitte Mai ein Verbot weiterer Theaterproben folgte) wurde sie den Inhaftierten genommen.

Trotz positiver Zuschauerresonanz zählt die Theaterarbeit nach Ansicht der Justizbürokratie "nicht zu den Dingen, die echt der Wiedereingliederung dienen". Anderer Ansicht ist die Theatergruppe und startete bundesweit eine Unterschriftenaktion mit der Forderung "Freistellung der inhaftierten Mitglieder für weitere Aufführungen". Außerdem veröffentlicht sie noch in diesem Monat ein Buch mit erweitertem Stücktext und Dokumentation und die nicht inhaftierten Akteure werden einigen Gastspieleinladungen (unter anderem zum Evangelischen Kirchentag in Berlin) folgen und das unliebsame Spiel in kleiner Besetzung vorstellen. Raimund Hoghe