Von Fritz J. Raddatz

Dies ist Hermann Kants bisher gelungenstes Buch. Ein gelungenes Buch ist es dennoch nicht. Das scheinbar paradoxe Urteil hängt unmittelbar zusammen mit der Konstruktion seines neuen Romans –

Hermann Kant: „Der Aufenthalt“, Roman; Aufbau Verlag, Ost-Berlin. Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1977; 600 S., 34,– DM.

Die Fabel ist verhältnismäßig einfach: Ein noch kurz vor Kriegsende dienstverpflichteter blutjunger Soldat gerät nach panischer Weglauf-Desertion in polnische Kriegsgefangenschaft. Dieser „Aufenthalt“ wird zu einem teilweise qualvollen Entwicklungsprozeß deshalb, weil die flüchtige Zeugenaussage einer Polin und eine wahllos gegriffene SS-Jacke ihm eine falsche Identität geben. Er landet in einem Kriegsverbrecher-Gefängnis, einem Panoptikum des Menschenmülls, den der Krieg produzierte, der den Krieg produzierte. Es entsteht also ein „Streit um den Grenadier Niebuhr“. Ähnlich dem Buch seines großen Vorbilds Arnold Zweig läuft der Roman schwer, ja: schwerfällig an. Wenn an Kants früheren Büchern eine verbale Gummigelenkigkeit verstimmte, jenes Pseudo-Raffinement seiner Schnurrpfeifereien, die Artistik mit artistisch verwechselt – so verstört hier eine erzählerische Bravheit, die eher mahlt statt malt. Statt Realität herzustellen, wird über sie berichtet. Das Wort „Krieg“ fällt das erstemal auf Seite 58; und eine eigenartige Scheu hindert Kant, uns sehen, schmecken, riechen zu lassen, was uns lediglich wie ein Erinnerungsphoto hingeworfen wird: „Ich will nicht erst versuchen, den Gestank zu beschreiben; erfrorenes Fleisch entfernt sich durch Fäulnis von den Knochen, das ist alles.“

Das ist eben nicht alles, und derlei epische Lakonie bekommt einem Roman schlecht. Sie führt zu einer Unentschiedenheit der Erzählhaltung, einer Verwirrkomposition; wann immer sein Ich-Held einer Situation ausgesetzt – besser: konfrontiert – wird, löst Kant sie sofort ab, oft einem Einfall oder Zufall zuliebe – vom Lager zurück ins Elternhaus, vom Elternhaus voran zu Krieg und Front, von dort kippt er ab in reflektorische Passagen, Träume oder Hoffnungen oder Erinnerungen. Ein Saltospringer, der auf dem Acht-Meter-Brett wippt und wippt und wippt – aber nicht springt; er schleicht vielmehr die Leiter hinunter ins Nichtschwimmerbecken. Das Buch hat auf diese Weise ein Wechselbadklima, eine Windstille zwischen zwei Tempi: Atemlosigkeit und Atemnot. Es ist ein unentwegter Umzingelungsversuch, ein Manöver, ein Angang – nur sieht man das Ziel nicht. Der Leser stolpert von Gedankenflucht zu Realitätsentzug, von Schwejk-Gemächlichkeit zu Don-Quichote-Szenen-Wechsel. Kant muß das selber gespürt haben, denn statt zu beschreiben, Szenen und nicht Skizzen zu bauen, kommentiert er. Was eine gewisse Ängstlichkeit verrät. Kant verläßt sich nicht auf die Unmittelbarkeit epischer Wirkung, sondern sichert sich ab durch Erläuterungen: „Was rede ich; ich will Beispiele nennen ... bei solcher Gelegenheit merkt man, wie unglaublich dünn ein Lid ist.“ Man merkt es durch solchen Verordnungsgestus eben nicht. Man begreift; aber am eigenen Auge, gleichsam, schmerzt die vorgehaltene Pistole nicht. Hermann Kant hat nämlich ganz außer acht gelassen die Dimension des Emotionalen, des – wenn ein großes Wort erlaubt ist – Irrationalen erzählerischer Prosa. Er argumentiert. So trifft er den Leser ins Hirn; nicht ins Herz. Ein Satz von zentraler Bedeutung heißt: „Es ist etwas mit meinem Gedächtnis nicht in Ordnung, mit meiner Art, mich zu erinnern, denn mir fällt leichter ein, was ich gedacht habe, als das, was geschehen ist.“

Damit werden die Erzähleinheiten zu lauter winzigen intellektuellen Partikeln zersiebt, zu Abenteuern statt pikaresken Aventuren, zu nicht unerhörten, sondern beliebigen Begebenheiten, ganz auswechselbar; Schaumkrönchen statt Wellen. An genau diesen Stellen läßt Kant sich auch wieder von seiner alten Lust zu parodistischen Kunststückchen verführen, zu kleinen Vokabularen Balletteinlagen und sprachlichen Dressurakten.

Doch dann geschieht etwas Sonderbares. Das Buch dreht sich. Es bekommt einen gänzlich anderen Rhythmus. Eine große Ruhe und Ernsthaftigkeit. Fast wäre man geneigt zu spekulieren, was mit dem Manne Hermann Kant irgendwann im Verlaufe der Arbeit an diesem Roman geschehen sei; vielleicht irgendein einschneidendes persönliches Erlebnis. Wie immer: fast von der Mitte ab hat das Buch einen anderen Ton, eine Überzeugungskraft von großer Intensität. Ich zögere nicht, von Würde zu sprechen. Kant hat nun zu jener Radikalität gefunden, die ein Schriftsteller wohl nur erreicht, wenn er sich nicht auf der Schmunzelwippe seiner Wortfertigkeit irgendwo außen vorbeischwingt, sondern wenn er sich dreingibt und aussetzt. Von hier ab gilt, was Kant auf die Frage eines fingierten Interviewers „Sollte man den ‚Aufenthalt‘ ein Kriegsbuch nennen?“ antwortete „Nein, einen deutschen Bildungsroman“. Das, fürwahr, erreicht Kant mit einer bohrenden Fragestellung, die ins Zentrum unserer deutschen Geschichte trifft – einer Fragestellung, die er jener beschuldigenden Polin quasi abnimmt: „Wenn das, was ich sein sollte eine wie die fast würgte, dann mußte ich, dann würde ich, dann war ich... sprich doch weiter. Dann bin ich. Denk doch weiter. Einzige Einzigkeit. Eine Einzelheit. Einzelne Einheit. Einzelner Einzeller. Ich bin klein/mein Herz ist rein/will in kein/ner Zelle mehr sein. Zelle, Zoll, Zahl, Zofe, Zimt, Zement. Wir sagen alle Wörter mit Z. Zelle, nein, nicht Zelle, immer, Zimmer mit Z wie Zuchthaus. Zimmer mit Z wie Zuhause. Zuhause wie Z wie Zimt und Zucker. Zimt und Zucker sind verboten, wir sagen alle Wörter mit Z, die verboten sind. Zimt und Zucker, Zervelatwurst, zentnerweise, Zwieback, Zwiebel, Zwetschgenmus. Zichorie. Wir sagen alle Wörter mit Zuhause, die nicht verboten sind. Zahnbürste, Zeitung, Zopf, Zirkus, Zirkuszelt, Ziege. Wir sagen alle Wörter mit Zuhause: Ziel, zivil, Zukunft, Zauber.