Von Theodor Eschenburg –

Graf Schwerin von Krosigk, im März mit 89 Jahren gestorben, hat noch kurz vor seinem Tod das Erscheinen seiner Memoiren erlebt. In der Weimarer Zeit war er einer der führenden Beamten im Reichsfinanzministerium, unter Papen und Schleicher, dann im Dritten Reich bis zu dessen Ende Reichsfinanzminister.

Lutz Graf Schwerin von Krosigk: „Memoiren“; Seewald-Verlag Stuttgart 1977; 340 Seiten, 38,– DM.

Schwerin ist Primus auf vielen Stufen gewesen, aber kein Streber und nicht beflissen. Noch als Ministerialdirektor hatte er Züge eines intelligenten Primaners mit einem Anflug von Naivität. Er war nach Herkunft und Erziehung eine aristokratische Erscheinung, doch ohne Herrenstandpunkt. Einer von Schwerins Kollegen, der damalige Ministerialdirektor Arnold Brecht, ein überzeugter Demokrat, sagt in seinen Erinnerungen von ihm: „... nach Haltung und Auftreten ganz uneitler Beamter, der stark von einer idealistischen Auffassung der Pflichten des Adels zu vorbildlicher Arbeit für das Land durchdrungen war.“ Bei Kriegsende 1918 wurde Schwerin in den Soldatenrat der Division wegen seines persönlichen Verhältnisses zu den Soldaten gewählt.

Sich selber hat er einen „Verstandesmonarchisten“ genannt. Obwohl konservativ, war er im Gegensatz zu vielen anderen Beamten fest entschlossen, der Republik loyal nicht nur formal zu dienen. Seine Minister aus den verschiedensten Parteien, von den Deutsch-Nationalen bis zur Sozialdemokratie, haben ihn geachtet, besonders auch der Reichskanzler Brüning, dessen vertrautester finanzpolitischer Berater er war. „Der Grundzug seines Charakters war der denkbar beste“, sagt Brüning in seinen Memoiren. Sein letzter unmittelbarer Vorgesetzter, Hans Schaeffer, der sich selber als „links über den Parteien schwebend“ bezeichnete, hat Schwerin ebenfalls ausgezeichnet beurteilt; der Finanzminister Hilferding vom linken Flügel der SPD hat ihn 1929 trotz erheblicher Bedenken seiner Partei, zum Leiter der Etatsabteilung und Ministerialdirektor vorgeschlagen. Zwei Jahre später bot ihm der sozialdemokratische preußische Ministerpräsident Otto Braun das Finanzministerium in Preußen an.

Von allen geschätzte Beamte können leicht als gefügig gelten. Davon war bei Schwerin keine Rede. Er war ein Finanz-, vor allem ein Etatspolitiker von Format und zugleich ein überlegener, international anerkannter Finanzdiplomat mit jenem Maß an Zivilcourage, die im Verfassungsetat etwas auszurichten vermag. Schaeffer hat einmal über Schwerin zu Brüning gesagt, er hätte „die Eigenschaft, ungefragt weder zu reden noch zu schreiben“. Bei anderer Gelegenheit hat er von „seiner Zartheit und Zähigkeit, die zu solchen Aufgaben (eines Finanzministers) gehören“, gesprochen. Beamte solcher Qualität sind zu allen Zeiten begehrt und auf Ämterpatronage nicht angewiesen. Anderserseits können gerade sie in Gefährdungen hineingezogen werden. Das Beispiel Schwerin zeigt es.

Im Reich gab es hohe Beamte, die frei von reaktionären Tendenzen, nicht aus Tradition oder Ideologie, sondern um ihrer amtlichen Funktion willen, eben der „Regierbarkeit“ wegen, zum Autoritären neigten. So sagt Schwerin im Zusammenhang mit den Notverordnungen in den dreißiger Jahren: „Die Entwicklung des deutschen Parlamentarismus zur vollendeten Impotenz ... führte dazu, daß selbst aufrechte Demokraten den autoritären Staatsgedanken im Vergleich mit dieser entstellten und entarteten Demokratie für das „kleinere Übel“ hielten.