Gibt es in der DDR wirklich weniger Trinker?

Von Marlies Menge

Dresden, im Juni

Anfang dieses Monats versammelten sich im Dresdener Hygiene-Museum die Anti-Alkoholiker aus aller Welt zum „23. Internationalen Seminar zur Verhütung und Behandlung des Alkoholismus“. 430 Teilnehmer waren gekommen, darunter sogar einige aus Saudi-Arabien und Kuweit; die meisten kamen allerdings aus den beiden deutschen Staaten: 150 aus der DDR, 120 aus der Bundesrepublik. Und der Vergleich zwischen Deutschen und Deutschen, zwischen Ost und West im Hinblick auf das Problem Alkohol beherrschte denn auch die meisten Diskussionen. Doch wer sich Statistiken aus dem Ostblock erhoffte, wurde enttäuscht. Sozialarbeiter der Caritas reagierten sauer: „Schließlich weiß doch jeder, daß die da auch ihre Probleme haben. Warum halten sie mit Zahlen hinterm Berg?“

Eine Zahl war da: der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol beträgt in der DDR 7,6 Liter pro Jahr, steigt also seit den sechziger Jahren. In der Bundesrepublik sind es 12,4 Liter, Frankreich hat mit 17 Litern die emsigsten Trinker, zumindest unter den mit Zahlen vertretenen Ländern; Polen und die Sowjetunion schwiegen sich aus.

Sozialisten sollen keine Asketen sein, beteuerten DDR-Vertreter, man wolle kein Alkoholverbot. Und daß heute mehr Alkohol getrunken werde, sei im Grunde ein gutes Zeichen, ein Zeichen für gehobenen Lebensstandard. Obermedizinalrat Kürtzinger, einer der wissenschaftlichen Leiter des Seminars aus der DDR, meinte: „Wir müssen nur wachsam sein, daß Alkoholgenuß nicht zum Alkoholmißbrauch wird, wir haben Angst vor Alkoholabhängigkeit. Daß der Alkoholkonsum zunimmt, geben wir zu – was heißt: geben wir zu... stellen wir fest.“

Zum Saufen keine Zeit