Am 21. Juni ging die "ART Basel", die inzwischen wohl international wichtigste Messe moderner Kunst, zu Ende (Siehe Seite 38). Wer hier glänzen wollte, der hatte an den Wänden seiner Koje das Wort "documenta VI" stehen, je öfter, desto besser. Gemeint war damit, daß der hier gezeigte Künstler auch in Kassel dabei sein wird, und daß die Qualifizierung für die documenta als ein Gütesiegel verwendet, verstanden und akzeptiert wird. Am 24. Juni beginnt die documenta VI, nach Krisen, Pannen und mit vorläufigen Abstrichen jedoch, die man in Kassel nicht einfach als "Gehabte Schmerzen, die hab’ ich gern" abbuchen sollte.

Noch eine Woche vor der Eröffnung standen die für die Abteilung Malerei und Photographie Verantwortlichen (Evelyn Weiss und Klaus Honnef) kurz davor, ihren Auftrag zurückzugeben: der ihrer Sektion theoretisch zugesprochene Platz war praktisch so verringert, daß ihr Konzept nicht mehr durchführbar schien. Vor dem Fridericianum gab es eine andere Panne, wenn auch nicht zu besichtigen, so doch vorzustellen. Das Bohrgestänge eines Meißels, der die 1000-Meter-Marke unter der Erde erreichen sollte, war bei knapp 400 Meter abgebrochen und damit Walter de Maria’s Versuch, dem Zentrum der Welt näherzukommen, von den unterirdischen Kräften erst einmal abgeschmettert. Nun kann man sehr unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob "The vertical earth kilometer" wirklich noch der Realisierung in 1000 Meter Länge und der Vollendung durch Füllung mit einem 15 Tonnen schweren Stahlstab bedarf. Die Idee, die dahinter steht, setzt Phantasie in Gang auf dem Umweg über das Gehirn, nicht über die Augen. Aber Wetterstandsmeldungen über den Stand und Umstand dieser Bohrungen sind nicht der Vertiefung dieser Idee dienlich, und das hohe Bohrgerüst selber beeinträchtigt stark die Wirkung von Richard Serras nahe stehender grandioser Stahlskulptur.

Am 24. Juni also beginnt die documenta VI, aber vorerst ohne eine ihrer wichtigsten Abteilungen: die Handzeichnung. Die Handzeichnung war nicht nur im Sinne der klassischen Kunstkategorien Malerei/Plastik/Zeichnung als eine wichtige Abteilung geplant und durch Erich Herzog (den Direktor der Staatlichen Gemäldesammlungen Kassel), Carl-Albrecht Haenlein und Wieland Schmied (den jetzigen und den früheren Direktor der Kestner-Gesellschaft Hannover) mit einem besonders hochqualifizierten Team von Kunsthistorikern und Ausstellungsexperten besetzt. Auf diese Sektion war man auch deshalb gespannt, weil sie die seit 1964 erste und in der documenta-Geschichte erst zweite Zeichnungsausstellung ist. Sie wird jedoch vorerst nicht zu sehen sein, weil man in Kassel nicht imstande ist, regenfeste Dächer zu bauen. Nachdem zehn Tage vor Eröffnung schon ein Gutteil der Blätter gehängt war, teilten die Verantwortlichen am 15. Juni dem Geschäftsführer der documenta per Einschreiben mit, daß sie sich gezwungen sähen, die Arbeit niederzulegen und für Schäden an den Kunstwerken keine Verantwortung übernehmen könnten. Zwei große Gewitter mit Sturzbächen von Regen hatte das neue Dach der Orangerie nicht verkraftet, die Luftfeuchtigkeitsmesser schlugen munter über die für Zeichnungen erlaubte Marke. Die aufgehängten Arbeiten wurden größtenteils abgehängt, die anderen nicht aufgehängt, das meiste aus dem Haus transportiert. Bevor ein Restaurator nicht die Zeichnungen und die Räume freigibt, wird die Ausstellung nach dem Willen der Arbeitsgruppe nicht stattfinden. Das aber kann noch gut eine Woche dauern, und bis dahin sind viele, deren erster Eindruck von der documenta auch ihr letzter war und wichtig ist (zum Beispiel ausländische Journalisten), wieder aus Kassel abgereist. Und weil man in Kassel nicht nur Dächer zu decken nicht imstande ist, sondern auch nicht Kataloge edieren kann, wird man auch am Zeichnungskatalog nur eine eingeschränkte Freude haben. Der Bearbeiter des Katalogs (dessen Herstellung nicht bei der Arbeitsgruppe, sondern einem freien Mitarbeiter lag) hat so Monströse und so monströs viele Fehler fabriziert, daß, nachdem wegen Termindruck an so umfassende Korrekturen nicht mehr zu denken war, ein vom Geschäftsführer, Generalsekretär und dem für die Abteilung Verantwortlichen unterzeichnete Mitteilung darüber informiert, daß diese "für etwaige Fehler und Irrtümer keine Verantwortung tragen".

Kassel annonciert sich selber als die "Stadt der Künste und Kongresse". Auch diese documenta wird wieder aufregende und exzellente Kunst zeigen: die Plastiken im Freien und Grünen, die Photo-Sektion, die, wenn es sie dann gibt, Handzeichnungen gehören bestimmt dazu. Aber wenn Kassel seinen documenta-Ruf nicht ruinieren will, dann muß man sich (der Oberbürgermeister ist schließlich Erster Vorsitzender des documenta-Aufsichtsrats) wohl etwas mehr darum kümmern, daß die Künste nicht zwischen Regen und Inkompetenz kaputtgehen.

In diesem Sinne: Auf nach Kassel.

Petra Kipphoff