Meine Damen und Herren,

ich bin zuweilen damit beschäftigt, mir in meinem Kopf drin etwas Schönes vorzustellen, Bäume oder Ozeane oder Luft oder Liebe, weil es da, wo ich wohne, irgendwie nicht immer schön genug ist, zuwenig Bäume und Ozeane und Luft und Liebe. Das, was ich mir vorstelle, schreibe ich zuweilen auf, und gleichzeitig kommt es mir so vor, als bekäme ich die sogenannte Wirklichkeit auf diese Weise auch besser in mein Gesichtsfeld, weil sich das Erwünschte fühlbar an ihr reibt. Literatur scheint für mich unter anderem eine Art verzögerter Anpassungsprozeß zu sein, ein Rückzugsgefecht mit Drohgesten: Ich will mir, rückwärtsgehend, der zähnefletschenden Wirklichkeit ins Gesicht schauend und ihr die Faust entgegenschüttelnd, nicht gleich alle Waffen aus der Hand schlagen lassen. Sie soll sie mir doch wegnehmen. Manchmal werfe ich ihr etwas von dem von mir erfundenen Schönen hin, das frißt sie dann und hört für einige Minuten auf zu knurren. Schreiben verändert die Welt mindestens insofern als es dann ein Geschriebenes gibt, das es vorher nicht gab. Das ist wenig, aber es ist etwas.

Leider aber spüre ich gleichzeitig immer deutlicher, daß ich, wenn die Welt um mich herum ständig nur unschön ist, meine Reserven aufbrauche. Eines Tages wird alle Kraft verbraucht sein. Sowieso wird es dazu kommen, aber in der Zwischenzeit könnte ja hin und wieder etwas wirklich schön sein. Zuweilen darf das Schöne nicht nur in unsern Köpfen und in unsern Wörtern enthalten sein, es muß zuweilen wirklich sein.

Schönheit, das war gerade eben noch ein Begriff, mit dem hauptsächlich abendländische Würdenträger in Silberkrawatten argumentierten. Ich glaube, auch ich lächelte über solche Begriffe. Da hat sich etwas verändert, entweder hat die Schön-

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heit durch ihre zunehmende Seltenheit eine neue Qualität bekommen, oder aus mir ist unversehens ein Abendländer in Silberkrawatte geworden, oder beides. Ich fuhr kürzlich durch die Po-Ebene, die immerhin den Risotto, den Belcanto und den Grappa hervorgebracht hat, unter anderem durch Seveso, und alles sah aus wie im Rhein-Main-Gebiet. Ich hätte genau so gut zu Hause bleiben können. Da packte mich eine große Wut und eine große Trauer, ich spürte wieder einmal so recht meine Ohnmacht und dachte trotzdem, irgendwer muß jetzt angreifen. Abendländer hin oder her, irgendwer muß jetzt auch die Erinnerung an schon einmal wirklich gewesene Schönheit aufbewahren, und irgendwer muß irgendwie neue Schönheit schaffen. Das wird mir in Italien noch deutlicher als in Deutschland, weil in Italien die Schönheit dessen, was wer auch immer in den letzten Jahren kaputtgemacht hat, deutlicher ist.

Das, was wir hier tun, kann als eine Flucht interpretiert werden, von mir aus. Wir stehen hier oben im Mittelmeerwind, weil wir Erinnerungen in uns wachrufen wollen, beinah schon verschüttete, solche jedenfalls, die im Rhein-Main-Gebiet nicht so leicht in uns aufsteigen würden. Abgesehen davon, daß ich jedermann, auch mir, das Recht zubillige, hin und wieder dem Druck der Wirklichkeit auszuweichen, könnte aus unsrer Flucht nach hinten auch ein Angriff nach vorn werden. Ich spüre immer deutlicher, wie ich die Rückkoppelung an eine Tradition brauche. Die meisten von uns leben in einem sehr unfroh gewordenen Staat. Alle spüren es, natürlich auch, weil die derzeitige Stimmung der perspektiven- und phantasielosen Reaktion nicht leicht zu ertragen ist. Die Bundesrepublik ist sogar so unfroh geworden, daß niemand mehr sagt, daß das, was wir Schriftsteller tun, sinnlos sei. Leider. Vorbei sind die schönen Zeiten, wo man uns vorwarf, wir könnten tun, was wir wollten, es sei uns ja sowieso alles erlaubt, jede Kühn- und Frechheit mache uns nur bekannter und begehrter und erfolgreicher. Davon kann nun wirklich längst keine Rede mehr sein. Ich glaube, alle spüren immer deutlicher, daß Schriftsteller heute keinen Gratismut mehr haben können. Wir sitzen, zusammen mit vielen andern Menschen, auf Ästen, an denen wieder andere Menschen, sägen. Wir sind es jedenfalls nicht, die Demokratie abbauen, und schon gar nicht mit dem Argument, wir müßten uns sonst ab 1980 naß rasieren, im Dunkeln. Vielleicht treiben wir alle einmal auf unsern abgesägten Ästen draußen im Ozean, Wie auf Flößen, vielleicht stoßen wir auf Atlantis, oder vielleicht werden wir im Bermudadreieck von einem Wirbel nach unten gesaugt.