Ob die vorgezogene Pensionierung Arbeitsplätze für Jüngere freimacht, ist zweifelhaft

Vergleichbares geschieht in Frankreich nur alle Jubeljahre einmal: Gewerkschaftsführer und Unternehmer schüttelten sich zufrieden die Hände; und die Regierung spendete dazu Beifall. Grund des seltenen Glücks war die Vereinbarung der Sozialpartner, künftig allen Arbeitern und Angestellten der Privatwirtschaft den Rückzug in den Ruhestand schon mit sechzig Jahren zu ermöglichen. Premierminister Raymond Barre kommentierte begeistert: „Das ist die wichtigste Vereinbarung, die seit zwanzig Jahren in Frankreich unterschrieben wurde.“

Annähernd 450 000 französische Arbeitnehmer können von diesem neuen Recht Gebrauch machen. Die vorzeitige Pensionierung ist freiwillig und kann beliebig zwischen 60 und 65 Jahren gewählt werden. Der Unternehmerverband CNPF rechnet damit, daß lediglich zwanzig Prozent der Berechtigten ihren Arbeitsplatz frühzeitig verlassen. Das bedeutet, daß im besten Fall rund hunderttausend Stellen frei werden.

Diese Zahl muß alle die enttäuschen, die sich vom vorgezogenen Pensionsalter eine spürbare Entlastung des Arbeitsmarktes versprechen. Das gilt auch für entsprechende Vorschläge, die in der Bundesrepublik gemacht wurden. Dabei ist etwa das Projekt des CDU-Bundesvorstandes noch restriktiver als die französische Regelung. Die CDU möchte von vornherein nur Maßnahmen treffen, die bis 1981 schrittweise wieder abgebaut werden. Die Annahme, daß sechzig Prozent der Berechtigten von der Frührente Gebrauch machen, ist wohl ziemlich hochgegriffen.

Auch in Paris denkt man nicht daran, die Unternehmen zu verpflichten, für jeden Frührentner einen Arbeitslosen einzustellen. Diese Forderung hatte die kommunistisch orientierte Gewerkschaft CGT aufgestellt. So haben sicherlich diejenigen nicht unrecht, die schon heute „wenig positive Auswirkungen auf die Beschäftigungslage“ vermuten. In Frankreich werden viele Unternehmen das vorzeitige Ausscheiden von Mitarbeitern dazu nutzen, ihre Belegschaft ohne Entlassungen zu reduzieren. Das erleichtert ihnen das Gesundschrumpfen, rückt die Hoffnung auf einen spürbaren Abbau der Arbeitslosigkeit aber in den Bereich der Illusion.

Für die Franzosen ist dieser Nachteil allerdings nicht entscheidend. Denn ihre Gewerkschaften machten sich schon für die Pensionierung mit sechzig Jahren stark, als von einer Wirtschaftskrise weit und breit noch nichts zu sehen war. Schon vor sechs Jahren zogen die Arbeiter durch die Straßen und klagten auf Spruchbändern: „Vom Fließband ins Grab.“ Durch verschiedene Streikaktionen wurde dem Ruf nach einem früheren Ruhestand Nachdruck verliehen – und Teilerfolge wurden auch erzielt. So können Invaliden, ehemalige Kriegsgefangene, berufstätige Mütter und Angehörige bestimmter manueller Berufe schon jetzt früher als ihre Kollegen den Ruhestand genießen.

Wer künftig vor 65 in die Rente geht, erhält (bis zum Alter von 65 Jahren) siebzig Prozent seines letzten Bruttogehalts als Ruhestandsgeld. Die garantierte Untergrenze liegt bei etwa 550 Mark im Monat, die Obergrenze bei rund 5000 Mark. Zweimal im Jahr sollen die Beträge (wie andere Renten auch) an die Preisentwicklung angepaßt werden. Einzige Voraussetzung: Interessenten müssen mindestens zehn Jahre lang Beiträge an die Sozialversicherung gezahlt haben. Außerdem sind den Frührentnern bezahlte Nebenbeschäftigungen strikt untersagt.