Als Günther Jansen vor den Delegierten des SPD-Landesparteitages Schleswig-Holstein in Tönning Rechenschaft ablegte, blitzte und donnerte es über der Westküste. Der als Kanzlerkritiker profilierte Jansen wertete das Unwetter als „Beifall von oben, der mir recht gibt“. Björn Engholm, Parteitagspräsident, hatte eine andere Interpretation parat: „Wenn Günther Jansen redet, dann setzt es Blitz und Donner, dann hagelt es in die Petersilie, wir aber wollen der Bundespartei sagen: Fürchtet euch nicht.“

Ohne Furcht, aber mit Tadel für die Spitzengenossen in Bonn, vereinte Jansen die Delegierten hinter sich: „Diese Partei darf nicht den Anschein erwecken, als sei sie angetreten, um den Kapitalismus zu verschönern.“ Dabei werde er sich weder als Putschist noch als Rebell dekorieren lassen: „Die Regierungsfähigkeit der SPD wird nicht aus der Partei, sie kann nur von der Regierung selbst in Frage gestellt werden.“

Dann eine neue Zielansprache: die Freien Demokraten. Bundeswirtschaftsminister Friderichs ist für Jansen nur noch „dieser liberale Herr“, der das Steuerpaket zur Kröte gemacht habe, die die Sozialdemokraten jetzt schlucken müßten. Dieses vor allem müsse die Partei der Öffentlichkeit deutlich machen. Egon Bahr, als Beisitzer am Vorstandstisch plaziert, schüttelt ärgerlich den Kopf.

Dennoch: Egon Bahr bleibt moderat – nur einmal wird er ärgerlich, als ein Genosse aus dem Vorstand eine Situation konstruiert, in der es für die Partei wichtiger sein könnte, aus Gründen der Selbsterhaltung und Ehrlichkeit die Macht abzugeben.

Dieses, so schärft Bahr den theorieverliebten Genossen im Norden ein, würde vor allem jene Menschen im Osten enttäuschen, die ihre Hoffnungen auf Entspannung im wesentlichen auf das Fortbestehen der Bonner Koalition stützen.

Später, bei den Vorstandswahlen, wird Bahr die meisten Stimmen als Beisitzer bekommen. Auch dieses gehört zu den Widersprüchen dieses Landesverbandes, daß ein ungeliebter Administrator gleichzeitig jedoch wegen seiner theoretischen Position geachtet sein kann. Gerade für die feinen Zwischentöne, die Egon Bahr durchklingen ließ, haben die Schleswig-Holsteiner ein gutes Ohr. Norbert Gansel: „Daß Egon Bahr im Landesvorstand ist, hat auch den Vorteil, daß nicht nur der Bundesgeschäftsführer einen Landesvorsitzenden nach Bonn, sondern der Landesvorsitzende auch seinen Beisitzer nach Kiel zitieren kann.“

Es wurde viel von kritischer Solidarität gesprochen in Tönning, Das „zügellose“ (Parteipräsidium) Aufbegehren von Günther Jansen hat auch die Basis ergriffen. Lediglich der Ortsverein Preetz forderte die Ablösung Jansens.