Pfister sitzt am Schreibtisch. Die ganze Woche setzt er sich nicht an den Schreibtisch, er legt da nur die Zeitungen und Briefe hin, der Schreibtisch dient ihm als Abläge, und müßte ein Brief zu den Akten kommen, bleibt er unter dem Briefbeschwerer liegen, bis zum nächsten Sonntag. Pfister sitzt jeden Sonntag am Schreibtisch und macht Ordnung. In der mittleren Schublade liegt eine Liste. Unter dieser Liste befindet sich in einer Klarsichthülle sein Testament man soll gleich darauf stoßen, wenn er tot ist. Nach seinem Tode braucht niemand in seinen Sachen zu wühlen, man findet alles ohne Hast. Seine Pistole, die er aus dem Krieg mitgebracht hat, liegt neben der Liste und dem Testament. Man soll sich noch einige Fragen stellen, wenn er nicht mehr ist.

Wenn Pfister sonntags am Schreibtisch sitzt, und die Briefe alle in den Akten sind, nimmt er die Liste aus der mittleren Schublade, und bevor er darauf blickt, sieht er sich um. Kann er vielleichtnicht jetzt schon auf zwei der Stühle verzichten, die um den Eßtisch herum stehen, zwei von sechs? Vier würden ihm reichen, dann sieht es noch immer so aus, als würden sich da mal Leute draufsetzen, aber sechs? Und die Bodenkammer ist leer, unter dem Bettlaken stand nur der Überseekoffer. Die Rostflecke im Innenfutter fand er unappetitlich; deswegen stellte er den Koffer an den Straßenrand zum Sperrmüll und legte das Bettlaken darüber. Und als es dann fast die ganze Nacht regnete, brauchte Pfister nicht zu fürchten, daß jemand den Koffer mitnahm. Er verschwand im Müllwagen. Pfister stand am Fenster, als aufgeladen wurde.

Zwei Regenschirme hat er noch. Die will er auch behalten, er hatte sie noch nie irgendwo stehengelassen; sie stehen für ihn nur da als Zeichen für sein gutes Gedächtnis, aber der Gedanke, daß nach seinem Tode der Kleiderschrank geöffnet wird und man die Anzüge und Mäntel betastet, und die Oberhemden und die Wäsche... Wenn er daran denkt, bildet er sich ein, man fasse ihn an. Doch daran kann er nichts ändern, und seine beiden Hüte werden auf der Garderobe liegen. Einen Hut hatte er absichtlich in einem Lokal zurückgelassen, so bilden zwei Hüte und zwei Schirme die Schwerpunkte des Garderobenständers. Und die Farben passen jeweils zueinander. Pfister steht auf und geht von einem Zimmer ins andere. Aber nichts ist überflüssig von dem, was er da sieht, jeden Sonntag sieht er sich das an, und sein Arzt sagt: Was wollen Sie denn machen, wenn Sie noch zehn Jahre leben? Sie haben mir schon genug Bilder für das Wartezimmer gegeben, und der Tisch ist auch von Ihnen, der ist aber viel zu schade für das Wartezimmer, und ich kann ihn doch noch nicht mit in meine Wohnung nehmen, solange Sie manchmal noch davor sitzen.

Pfister setzt sich wieder an den Schreibtisch und überlegt, wer ihn in der vergangenen Woche besucht hat, wer ihm einen Brief geschrieben hat, oder wer ihn angerufen hat. Er macht Striche hinter die Namen. Wenn sich von denen, auf die er gewartet hatte, aber niemand meldete, macht er eine Null dahinter. Deshalb stehen immer Nullen zwischen den Strichen, und Pfister zählt beide.

Pfister möchte dann Namen von der Liste streichen, aber es sind niemals lauter Nullen dahinter. Wenn zu viele Nullen da sind, streicht er die Namen aber trotzdem und sagt sich, du kannst sie ja wieder auf die Liste setzen, wenn sie sich melden. Wer auf der Liste steht, soll auch was erben.

Um seinen Nachlaß wird sich seine Schwester kümmern. Sie ist die Testamentsvollstreckerin und sechs Jahre jünger und würde mit dem Flugzeug kommen. Dafür sorgt sein Arzt, wenn er nicht gerade auf Urlaub ist. Aber der Vertreter weiß dann auch Bescheid, vor jedem Urlaub hinterläßt sein Arzt eine entsprechende Nachricht für seinen Vertreter, das hat er versprochen. Ob er sein Versprechen aber auch hält? Und wenn Pfister tot ist, und seine Schwester nicht kommen kann, weil sie krank ist oder gerade stirbt? Sie ist auch schon siebzig. Falls sie dann tot sein sollte, wird sein Arzt die Erbschaft antreten, aber das weiß er nicht, und Pfister will es ihm auch nicht sagen.

Hat Pfister dann die Liste kontrolliert und wieder in die mittlere Schublade zurückgelegt, schließt er den Schreibtisch ab und stellt sich vor den Spiegel und hört seinen Arzt sagen: Wer wie Sie ständig über seine Gesundheit wacht und seine Haut jeden Morgen und Abend gründlich reinigt und seine Hände eincremt und die Füße pudert und mit sechsundsiebzig noch aussieht wie fünfundsechzig und sich noch eine Waschmaschine kauft, will noch nicht sterben... Nach Frauen fragt er ihn nicht. Pfister ist nie verheiratet gewesen.

Und Pfister zieht sich einen weißen Kittel an und füllt die Waschmaschine. Kein Fleck darf montags in der Wäsche sein. Und nach dem Waschen zieht er den weißen Kittel aus und schneidet einen Apfel in acht Stücke, legt sie auf einen Teller, schüttet Milch in ein Glas, nimmt eine Stoffserviette, setzt sich an den Tisch mit den sechs Stühlen und wünscht, daß seine Schwester vor ihm stirbt, und sein Arzt alles erbt und es dann erst ausspricht, wenn er die Pistole sieht: Ich weiß nicht, ob er sich für Männer interessierte, warum sollte ich ihn auch danach fragen...