ARD, Freitag, 17. Juni: „Die Befragung des Machiavelli“, Fernsehspiel von Lida Winiewicz

Hannes Messemer als Niccolo Machiavelli und Siegfried Wischnewski als dessen Partner Marcello: Ein Disput über Moral und Gewalt, Utopie und Wirklichkeit, Religion und Politik, der in einer dreifachen Umschlagsituation geführt wird – einem Umschlag in der großen Welt (der Papst ist gestorben; die Kardinäle sind seit elf Tagen im Konklave versammelt), einem Umschlag auf der mittleren Ebene (der Stadtstaat Florenz ist wieder unter die Botmäßigkeit des Herrscherhauses geraten, die Medici sind heimgekehrt), einem Umschlag im privaten Bereich: Marcello, bisher zweiter Sekretär, hat die Nachfolge Machiavellis angetreten; der Autor des „Principe“, denunziert und verhaftet, wird im Kerker gefoltert.

Hannes Messemer und Siegfried Wischnewski: Hektik und Gesammeltheit, zerhackte Rede und melodisches Gleichmaß, fahrige Intellektuellen-Suade, konfrontiert mit schlichtem und ruhigem Sprechen: hier Hasten und Stocken (gehaspelte Sätze, dann plötzliche Pausen), dort ruhiger Fluß; hier der ständige Wechsel von Tempo und Intonation (und immer gegen den Strich: laut, wo Leises erwartet wird, schleppend, wo’s holterdipolter gehen müßte), dort ein durchgehaltener Grundton, der durch winzige Akzentverschiebungen (eine etwas längere Pause, ein etwas mehr betontes Wort) ein Maximum an dramatischer Wirkung erzielt.

Messemer und Wischnewski: Wenn sie reden, die zwei, könnte man meinen, hier werde ein Kontrast inszeniert, der auf die Dauer ermüdend sein müsse – Zappelphilipp contra vierschrötiges Mannsbild, Neurastheniker gegen rocher de bronce, der intellektuelle Grenzgänger im Gespräch mit dem Sohn der Erde, der weiß, was er will... doch eben das ist nicht der Fall: So fahrig, sprunghaft, widerborstig Messemer redet, so deutlich macht er auf der anderen Seite, daß sein Zelebrieren Ausdruck der Souveränität ist, und so gelassen Wischnewski auch spricht, markig entschlossen, abgewogen und unbeirrbar, so überzeugend demonstriert er das Angenommene, mühsam Erlernte, zur zweiten Natur gewordene dieser Diktion. Hier die Kraft der Zerfahrenheit und dort die Brüchigkeit der Souveränität: Da wird, was auf den ersten Blick als statuarisches Kontrastieren erscheint, bei genauerem Hinschauen zu einem verwirrenden dialektischen Spiel;

Und dazu dann, als Henker mit einer zartfühlenden Seele: ein sanfter Fettkloß, der die Gewalt wie einen Akt der Güte praktiziert. Dazu dann Alexander May: Da waren, unter der Regie von Franz Josef Wild (einer Spielleitung, deren Verdienst es war, den Dialog durch winzige dramatische Akzente, das Drehen eines Rades oder das Anziehen von Stulpenhandschuhen, immer wieder in die Realität einzubinden) ... da waren drei. Schauspieler am Werk (Wolfgang Müller als juvenile Kontrastfigur zu den drei Männern, nicht zu vergessen), wie sie, jeder für sich und alle drei im Zusammenspiel, besser nicht denkbar sind.

Der Dialog freilich hätte pointierter sein können, die Dramaturgie konsequenter (das Spannungsmoment des Konklaves wurde verschenkt), die Gedankenführung präziser: So wie der Text ist, bleibt Marcellos, des angepaßten Moralisten, Position zu schwach im Vergleich zur Stellung des Ethikers wider Willen Machiavelli. Die Dispute über den „Principe“ wirkten höchst akademisch; es hatte nicht genügt, denke ich, den Apologeten der Macht mit deren Konsequenz zu konfrontieren: Nicht der Schreiber eines (in Wirklichkeit erst viel später entstandenen) Traktats, sondern der gefolterte Folterer, der zum Objekt gewordene Zuschauer und ins Martergerät eingespannte Monsieur le Vivisecteur ist es, dem das Interesse des Zuschauers gilt.

Was denkt Torquemada auf dem Scheiterhaufen? Wie rechtfertigt er sich? Das hätte die Grundfrage des Spiels sein müssen; das Kernproblem eines Stücks, in dem nicht über ein Buch debattiert, sondern dessen Problematik, in Rede und Gegenrede, Plastizität gewinnt.

Il principe mit verteilten Rollen, im Dialog bis zu seinen letzten Konsequenzen durchdacht (und dabei kein Wort über die Schrift selber verloren), das wär’s gewesen: Das adäquate Stück für Dialektiker vom Range Messemers und Wischnewskis. Momos