Von Helmut Dotterweich

Gesamtdarstellungen von Historikern gehören heute zu den Seltenheiten. Angesichts der Schwemme von Detailforschungen ist der Fachmann, der sich daran wagt, leicht in der Gefahr, um seinen wissenschaftlichen Unfehlbarkeitsanspruch gebracht zu werden. Denn immer ist da ein Kollege, der in einer Spezialfrage besser Bescheid weiß. So bleibt das Feld Amateuren überlassen, die vorhandene Literatur zu neuem Lesestoff anrichten und auf dankbare Leser rechnen können – ganz gleich, ob sie über Kelten, Germanen, Bajuwaren oder eben über Friedrich Barbarossa schreiben. Helmut Hiller, dessen Biographie termingerecht zur Stuttgarter Staufer-Ausstellung erschien, nennt seine Arbeit eine „Chronik“:

„Friedrich Barbarossa und seine Zeit“; Paul List Verlag, München 1977; 448 S., Abb., 32,–DM.

Die Staufer und damit Deutschland als gestaltende Kraft der europäischen Politik, die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst um den Primat der politischen Führung, ein Grundthema mittelalterlicher Geschichte; dann die im Gegensatz zu den westlichen europäischen Staaten verlaufende Verfassungsentwicklung in Deutschland, die Umwandlung der Stammesherzogtümer in Territorialstaaten im Spannungsfeld der zentralistischen und partikularistischen Tendenzen von Kaiser und dem sich etablierenden Reichsfürstenstand, Formierungen, die bis in die Struktur unserer Bundesrepublik nachwirken; schließlich die Konfrontation des monarchischen Prinzips mit den republikanischen Kräften in den oberitalienischen Städten und, gegen alle Logik, in den vom Kaiser geförderten deutschen Städten – all das gewinnt keine klare Kontur, wenn es in der atomisierten Form von Tagesereignissen erscheint, die nur das Datum verbindet.

Die gelegentliche Neigung Hillers, politische Entscheidungen monokausal zu erklären, scheint damit zusammenzuhängen. Die Übertragung des Herzogtums Bayern an Heinrich den Löwen mag den Mitgliedern des Regensburger Reichstages (1155) als ein Akt der Dankbarkeit des Kaisers für die vom Welfen geleistete Heeresfolge in Italien erschienen sein. Politischen Sinn gewinnt diese Belehnung indessen erst im Zusammenhang mit der Vorgeschichte jener Rivalität zwischen Staufern und Welfen, dann dem Lavieren und Taktieren Friedrichs, auch seinen Bemühungen, den Ausdehnungs- und Selbständigkeitsdrang der Babenberger einzudämmen.

Im März 1153 etwa erfahren wir, um ein anderes Beispiel zu nennen, daß sich Friedrich aus Abneigung von seiner ersten Gemahlin Adela von Vohburg habe scheiden lassen. Zwei Seiten später, inzwischen sind wir im Herbst des gleichen Jahres, liefert der Autor, ohne ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, die wohl stichhaltige Erklärung: den Wunsch des Staufers, sich durch die Heirat mit einer byzantinischen Prinzessin gegenüber Kaiser Manuel Rückendeckung in Italien zu verschaffen.

Dankbar wird der Leser dafür sein, daß ihm neben einer Unmenge von Fakten der politischen Geschichte auch eine Auswahl kulturhistorischer Details geboten wird, vor allem im Eingangskapitel, wo Hiller einen Eindruck von den Lebensumständen der Menschen des Mittelalters zu geben versucht. Dieser Sinn für das Konkrete mag darüber hinwegtrösten, daß ihm zuweilen recht banale und unfreiwillig-komische Formulierungen unterlaufen, so wenn er davon spricht, daß „interessante Kriegspläne geschmiedet“ werden oder der Landgraf von Thüringen „in den Kerkern des Löwen schmort“.

Als Ergänzung sei das preiswerte Urban-Taschenbuch (Nr. 154) „Die Staufer“ empfohlen, wo Odilo Engels in den ersten acht Kapiteln einen thematischen Abriß der Frühzeit der Staufer und der Regierungszeit Kaiser Friedrichs I. gibt (Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1972; 152 S., 8,– DM).