Von Marion Gräfin Dönhoff

Bonn, im Juni

Mancher Deutsche mag verblüfft gewesen sein, als er in der Anwesenheitsliste des offiziellen deutsch-polnischen Forums gleich zwei polnische Vertreter christlicher Organisationen entdeckte. Die Kirche spielt im kommunistischen Polen auch heute noch eine so große Rolle, weil sie das Fundament der polnischen Identität ist. In der Zeit, in der der polnische Staat nicht existierte, 1795 bis 1918, war die Kirche die einzige Institution, in der sich die von Rußland, Deutschland und Österreich vereinnahmten Polen repräsentiert fühlten.

Als Edward Gierek im Juni vorigen Jahres zum erstenmal in Bonn war, beschlossen der Bundeskanzler und der Erste Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, sich für ein deutsch-polnisches. Forum einzusetzen, das regelmäßig einmal im Jahr abwechselnd in Bonn und Warschau tagen soll. Begründung: "Um das gegenseitige Verstehen und die Zusammenarbeit zu vertiefen..., im beiderseitigen Interesse liegende Fragen gemeinsam zu diskutieren sowie Anregung für den Ausbau der Beziehung zu geben." Damit dies aber nicht primär ein Regierungsunternehmen werde, übernahmen die Chefs zweier wissenschaftlicher Institute die Durchführung: Karl Kaiser, Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn, und Marian Dobrosielski, Direktor des Instituts für Internationale Angelegenheiten in Warschau.

In der vorigen Woche fand nun die Premiere dieser Veranstaltung in Bonn statt. Beide Seiten hatten mit Prominenz nicht gespart. Unter den Polen befanden sich drei ZK-Mitglieder, acht Abgeordnete, der Stellvertretende Vorsitzende der Planungskommission beim Ministerrat, führende Professoren und Journalisten. Die Deutschen hatten aufgeboten: Berthold Beitz, Jürgen Ponto, Wolff von Amerongen, den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Grüner, Bürgermeister Koschnick, Bruno Friedrich, Richard von Weizsäcker, Philipp und Klaus von Bismarck, dazu bekannte Professoren und Journalisten – insgesamt waren es dreißig Polen und vierzig Deutsche.

Interessanter, für diesen Zweck vielleicht auch wichtiger, als die offiziellen Positionen der Teilnehmer sind ihre menschlichen Schicksale. Einer der deutschen Abgeordneten war in Warschau, ein polnischer Abgeordneter in Dortmund geboren; da gab es Polen, die in Hitlers Konzentrationslagern gelitten haben, und andere, deren nächste Verwandte von Deutschen umgebracht worden sind; und da waren Deutsche, die ihre ostpreußische, pommersche und schlesische Heimat an die Polen verloren haben. Dennoch war das Klima weit entspannter als bisher bei solchen Gelegenheiten: keine Aggressionen, keine Ranküne, die Zwischenrufe humorvoll, nicht bösartig – offenbar ist die Wetterwende endlich eingetreten.

Konflikte wurden nicht verdrängt, heiße Eisen nicht beiseite gelegt. Von polnischer Seite wurden alle bekannten Klagen vorgebracht, wobei die Rechtsfragen wohl die schwierigsten sind. Die Polen sagen: "Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht im Widerspruch zu dem Warschauer Vertrag, den ihr 1970 mit uns geschlossen habt und in dem ihr die bestehende Grenze als die westliche Staatsgrenze Polens anerkennt. Wenn Strauß sagt, Schlesien ist deutsch, solange ein Friedensvertrag nichts anderes bestimmt, so ist das nicht sonderlich beruhigend für uns." Einer meinte: "Wenn das Bundessozialgericht hinsichtlich der Auszahlung von Renten behauptet, Breslau sei im Gegensatz zu Lodz nicht Ausland, dann fragen wir uns, wozu schließen wir eigentlich Verträge, wenn diese keine rechtlichen Konsequenzen haben?"