Von Lothar Ruehl

Belgrad, im Juni

Nach der ersten Tagungswoche in Belgrad ist die Spannung aus dem Konferenzgebäude gewichen. Die Erwartung einer frühen Konfrontation von Ost und West über die Leitsätze, wie der Umgang mit den vor zwei Jahren auf dem Gipfel von Helsinki vereinbarten Regeln des staatlichen Wohlverhaltens zu überprüfen sei, hat sich nicht erfüllt. Regelmäßiger Geschäftsgang füllt die Belgrader Tage nur mäßig. Der Gesandten-Kongreß tagt, schreibt Geschäftsordgoldenen Buch der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der Schlußakte von Helsinki.

In dem poppig dekorierten Kesselhaus-Interieur mit seinen unverkleideten Rohrleitungen surrt leise die diplomatische Konferenzmaschine, hermetisch von der Außenwelt der Betonklotzbauten Neu-Belgrads abgeschlossen wie ein gigantischer Druckausgleichs-Kasten, in dem die Extreme angepaßt werden. Eine künstliche Atmosphäre wird in dieser politischen Turbinenhalle der KSZE erzeugt, in der die Diplomaten der 35 Teilnehmerstaaten ihre abstrakte Formelsprache für den Übergang „von der Implementierungsphase in die Stimulierungsphase des KSZE-Prozesses“ gebrauchen wie Wisschaftler ihre Formeln bei der Ausführung eines Experiments im Labor.

Die architektonischen Anleihen beim Pariser „Centre Georges Pompidou“ passen merkwürdig gut zu der Veranstaltung, entsprechen einem seit Helsinki fast ausschließlich formalen Verhältnis zwischen den Staaten, die an der Erhaltung, Festigung und Steigerung der Sicherheit in Europa, an einem Abbau von Spannungen und an sorgsam begrenzter Zusammenarbeit mehr oder weniger interessiert sind. Die Architektur schon verbürgt, daß diese Konferenz weder von Demonstrationen und Provokationen noch von der Menschenrechtskontroverse ernsthaft gestört werden wird. Welche Themen auch immer in dieses Glashaus getragen werden, hier werden sie die sachte Behandlung erfahren, die gefährlichen Stoffen zukommt. Die Isolierung ist kompakt genug.

Bis zur Einigung über Tagesordnung, Organisation und Verfahren der Hauptkonferenz werden in Belgrad die Geschäftsordnungsjuristen das Wort haben. Sie begannen ihre Arbeit mit Sorgfalt und Behutsamkeit, die umständlichen Sätze der Schlußakte stets vor Augen. Die Initiative ging bald nach der Eröffnung durch den jugoslawischen Außenminister an den Westen über. Der Gastgeber hatte, wohl auch eingedenk des jüngsten Anschlags kroatischer Nationalisten in New York auf die jugoslawische UN-Delegation, vor den „feindlichen Kräften“ gewarnt, welche die Entspannung mit allen Mitteln, mit „Propaganda und Terror“ bedrohten, und zu einer „konstruktiven“ Behandlung der gestellten Aufgaben aufgefordert.