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L. H. Oe.

Dank für freundliche Zeilen, freundliches Gedenken! Schreibe wenig, bin abgearbeitet u. nicht gut dran. Alter u. Verbrauchtheit; immer 2 Berufe betrieben u. ausgefüllt, in beiden immer Sorgen u. Kämpfe. Schlafe schlecht, liege stundenlang wach, habe Schmerzen, weine im Traum. Mag nicht mehr, weder Leben noch Arbeit, alles durchgemacht u. zu Ende. „Wenn es Erfüllungen sind“ –, ach es sind keine!

Trotzdem, wenn ich Ihre letzten Briefe überdenke, ich stehe den Dingen nicht so bitter u. jäh gegenüber wie Sie. Nichts überwältigt mich mehr so sehr. Mag die „Geschichte“ noch eine Weile ihren Nimbus wahren, er wird zerfallen wie der der Naturwissenschaften verfiel, die Stunde ist nah, wo sehr verbreitet gesehn werden wird, sie ist nichts als die Parodie einer Idee, diese selber aber ist rein u. gehört zu den Platonischen Gebilden. Es wird nicht ausbleiben können die Erkenntnis, daß nur der Geist lebt, trächtig ist, verwandelnd sich in uns gemäß den fernen Bildern, den zweifellos strahlenden in einem vieltausendjährigen Pomp. Und man wird herabsehn können auf diese Strömungen u. Spiegelungen, die mit geworfen wurden bei der Aussaat der Gestirne. Und wenn es immer nur wenige sind, die es wissen, diese wenigen werden sein. Und was wollen Sie, sollten es denn viele wissen? Gezwungen, ja offenbar gezwungen, doch auch das Leben erhalten zu müssen, mußte das Geheimnis, das in die Menschwerdung drang, nicht sehr wohl gehütet werden? Wenn wir die großen Träger unseres Glückes und die Gerüsteten in unseren Zeichen nocheinmal ganz genau durchdenken, ist ihre Lehre, ihr Wissen, ihre auf- u. niedersteigende Lösung des Lebens sowohl so klar als auch so tötlich, daß sie geborgen bleiben mußten. Was sie über die Schöpfung u. deren Beziehung zum Menschen darstellen, heißt doch an allen Stellen u. allen Wendungen immer nur das Eine: Sie gab Euch den Geist, um alles zu überwinden. Armut, Sterben, Scheiden, Niedergang, Erblindung: setzt ihn an u. Ihr seid erlöst. Nur Er erlöst, nur Er überwindet. Seine Verwendung zur Überwindung des Lebens, das ohne ihn völlig sinnlos u. unerträglich ist. Also wieder: Formgebung. Also wieder: Ordnung von weither, transcendentes Gesetz. Also wieder: das anthropologische Princip – verzeihn Sie, wenn ich mich wiederhole –, das Princip bewußter antinaturalistischer Funktion. Das mehr u. über dem Leben, das neue Gesetz, die geistige Reihe, die zweckentbundene, nicht mehr dem Leben „dienende“ aesthetische Gliederung –, die Kretische Vase: „Ungeräte – Tränkesehnsucht weit verweht“. Ob von allem Anfang an der Geist das Gegenprincip des Lebens war, seine Zerstörung, weiß ich nicht. Glaube aber eher ja, als nein. Zwei so große Gewalten gemütlich nebeneinander – nein, das glaube ich nicht. Heute – da ist ja kein Zweifel. Heute liegt die Bedrohung vor, der Kampf der niederen, der „Lebens“ welt gegen das geistige Princip ist völlig instinktsicher. Die Witterung ist da. Und die Zeichen am Himmel auch von der Niederringung des Lebens durch den Geist. Aber, und nun greife ich zurück, sollen das viele wissen? Alle die armen Hunde, die leben müssen u. Weib u. Kind erhalten u. sich lieb u. gut halten wollen, rechtschaffen, treu, pflichtbewußt –, offenbar will doch die Schöpfung im Moment noch garnicht eingreifen, um sie alle zu vernichten. Lassen wir sie krebsen, feiern wir mit ihnen Neujahr u. Konfirmation. Der Pilz ist da, der Keim ruht nur, bald wird er leuchten u. das Leben brandig machen und wo wir dann sind –, chi lo sa? Weit sind wir u. nur Asien war groß, lassen Sie das unerklärliche Lächeln Ihres schönen Haingottes über alles glänzen.

Nein, der Freund ist an seinem Geburtstag nicht in Hannover. Verbringt ihn außerhalb, allein mit seiner Tochter, Hamburg oder Kiel, dieser Tochter, die so wenig von ihm hatte, ihm so ähnelt geistig an Skepsis, Kühle, früh allein gestanden u. vereinsamt, u. der er nichts hinterlassen kann als die Erinnerung an wenige gemeinsame Stunden.

Große Schwermut in der Wohnung, die auf eine Platane im Hof führt! Aber auch der Ausblick auf das thyrrenische Meer könnte sie nicht ersticken! Kommen Sie nicht noch einmal nach Hannover? Herzlich Ihr Benn.

„Wenn es ...“: Zitat aus „Dennoch die Schwerter halten“. Ihre letzten Briefe: Entzifferung nicht ganz gesichert; könnte auch Ihre beiden Briefe heißen.