Von Benjamin Henrichs

Jetzt werden wieder Nachrufe geschrieben, Grabreden gehalten. Anlaß für den neuesten Ausbruch von Verzweiflung (oder Schadenfreude, je nachdem) war die letzte Premiere der Saison: Das Schauspiel Frankfurt zeigte, in der Regie von Peter Palitzsch, „Goncourt oder Die Abschaffung des Todes“, ein Stück, Nicht-Stück, das der Autor Tankred Dorst und der Dramaturg Horst Laube gemeinsam erstellt hatten. Ein Unternehmen von monumentalem Aufwand und monumentaler Ratlosigkeit – bei dessen Betrachtung selbst nachsichtige und treue Beobachter dieses Theaters die Geduld verloren. „Das Frankfurter Schauspiel in leerlaufender Motorik: hochambitiös und ziellos, spektakulär auftrumpfend und blind um sich schlagend. Die programmatische Irritation, die einst vom Frankfurter Schauspiel ausgehen sollte, ist in Konfusion ungeschlagen.“ So Uwe Schultz in der „Stuttgarter Zeitung“.

Also wieder einmal alles vorbei? Das Frankfurter Schauspiel erlebt derzeit, nach dem Weggang des Regisseurs Hans Neuenfels und nachdem Karlheinz Braun Peter Palitzsch als Theaterleiter (der an diesem Theater natürlich nicht Theaterleiter heißt) abgelöst hat, seine kritischste, vielleicht aber auch wichtigste Phase. Jahrelang waren fast alle Widersprüche des Theaters in einem einzigen, großen Widerspruch aufgegangen: Die Konfrontation zwischen dem Palitzsch-Theater und dem Neuenfels-Theater, zwischen einem vorsichtigen, objektivierenden, noch immer Brechts Theorie verpflichteten Theater und einem, dem alle Theorie gleichgültig war, das rücksichtslos die eigenen privaten Obsessionen ausstellte. Dieses Duell verbrauchte, zumal es durch höchst verschlungene Empfindungen der beiden. Protagonisten füreinander verschärft wurde, viele Kräfte, auch die des Ensembles; aber es konzentrierte die Kräfte auch: man konnte Partei nehmen, Jünger sein, Feind sein, vielleicht auch beides zusammen. Nach Neuenfels’ Weggang und Palitzschs Rückzug aus der Theaterleitung ist der große Widerspruch weg, und jetzt wird es wirklich kompliziert. Denn statt des einen Hauptkonflikts gibt es. jetzt unzählige, überall, wohin man schaut. Es herrscht tatsächlich eine große Konfusion– und weil an diesem: Theater noch immer so etwas wie Mitbestimmung versucht wird, weil hier nicht einfach ein. gestrenger Intendant aufräumen kann, dürfen sich die Konfusionen ausleben. Um diesen Vorgang mitzuerleben, muß man gar nicht in Vollversammlungen gehen, in Kantinen holtken – es ist den theatralischen Veranstaltungen selber abzulesen. Von einer zündenden Idee, einem gemeinsamen Programm, einer verbindlichen Konzeption (oder wie die Fiktionen alle heißen, mit denen gesundere Theater angeblich ihre Arbeit bestreiten) ist nichts mehr zu sehen. Jede Inszenierung ist eine Reise ganz anderswohin – und oft sind selbst innerhalb einer Aufführung die Beteiligten restlos uneins, wohin sie eigentlich wollen. Und das in einer ohnehin labilen Stadt, in einer nach den letzten Wahlen besonders labilen kultur- und theaterpolitischen Situation. Wer das Theater mit einem Bürgerherzen betrachtet, wen es nach Harmonie verlangt, oder wer alles Heil in Management und Technokratie sieht, den mag es vor so viel öffentlich zur Schau gestellter Unordnung grausen. Doch bevor jemand kommt und saubermacht, sollte man sich die gegenwärtige Unordnung genauer betrachten; vielleicht ist sie, verglichen mit der Ordnung an den Theatern anderswo, der schönere Zustand.

Das einzige, was sich in diesem Frankfurter Chaos treu bleibt, ist das Publikum: indem es ausbleibt. Ich habe in den letzten beiden Wochen drei Vorstellungen gesehen: die Uraufführung von „Goncourt“ (halbleer), eine Woche später „Kabale und Liebe“, immerhin ein populärer Klassiker (halbleer), am Mittwoch danach Barlachs „Armen Vetter“, inszeniert von Frank-Patrick Steckel (DIE ZEIT Nr. 21, 13. Mai 1977), die konsequenteste, ehrgeizigste Aufführung dieser Saison, fast hymnisch rezensiert, trotzdem halbleer. Die Zuschauer, die kommen: aufmerksam, geduldig, noch in der vierten Stunde von gewiß schwierigen Aufführungen; ein kritisches Publikum, sicher, aber auch eines ohne Enthusiasmus und Naivität. Kein Jubelpublikum (wie in den Hamburger Theatern), keines, das angespannt ist bis zur Andächtigkeit (wie bei der Schaubühne), kein mürrisches (wie im Schiller-Theater), das nur noch besseren Tagen nachtrauert. Wenn man eine Verallgemeinerung riskieren will: ein Publikum, das etwas lernen will – und skeptisch ist, ob es ausgerechnet vom Theater etwas lernen wird.

Aus dem „Goncourt“-Stück von Dorst und Laube ist beinahe nichts zu lernen – auch wenn die Veranstaltung auf den ersten Blick vor allem belehrenden Charakter hat, also (so will es das Klischee) typisches Palitzsch-Theater ist.

Szenen aus der Historie: die Tage der Pariser Commune, gesehen aus dem Blickwinkel eines intellektuellen, höchst sensiblen und völlig verantwortungslosen Zeitgenossen, des Schriftstellers Edmond de Goncourt. Dessen Tagebücher haben Dorst und Laube zu ihrem Bilderbogen inspiriert. Edmond de Goncourt, ungefähr ein Jahr nach dem Tode seines Bruder Jules, unendlich betrübt über den Verlust, erlebt die politischen Vorgänge (die Belagerung durch die Preußen, die kurze Herrschaft der Commune, die Rückkehr der Bourgeoisie) nur noch wie ein Theaterstück, wie ein geisterhaftes Schattenspiel. „Im Kanonendonner Spazierengehen“ ist eine seiner (schwachen) Vergnügungen; elegisch und teilnahmslos betrachtet er die Schrecken um sich herum. Politik und Krieg sind ihm nur noch ein Anlaß zu Privatismen: an den Ereignissen übt er seine Fähigkeit, zu beobachten und zu formulieren. Er befindet sich in einem Zustand hochempfindsamer Gleichgültigkeit: ein Voyeur, ein nicht mehr Beteiligter, eigentlich gar nicht mehr Lebender.

Leider hat, was Dorst und Laube diesen Tagebüchern szenisch abgerungen haben, den Reiz der Vorlage fast völlig verspielt. Es ist ein rechtes Dramaturgendrama geworden: viele, viel zu viele gut durchdachte Absichten werden mit viel zu wenig Entschiedenheit, fast ohne Wahrnehmung und Intuition, ganz ohne dramatisches Temperament und Raffinement vorgetragen. So viele Stücke finden statt, daß gar keines mehr stattfindet. Ein bißchen Dokumentartheater, eine Art Schulfunk-Bilderbogen über die Pariser Commune – weil Dorst und Laube aber keine Schulfunkautoren sind, sondern richtige Schriftsteller, ist ihr Stück prätentiös verworren, konfus, ohne die kreuzbrave Übersichtlichkeit des gewöhnlichen Schulfunks. Höheres war schließlich gewollt: eine Studie über die Intellektuellen und ihr Versagen vor der Politik. Das Café Brebant, wo man sich traf und geistreich, plauderte, als auf der Straße schon das große Sterben stattfand. Die Weigerung, sich anders als mit schönen Worten zu engagieren. Die Intellektuellen schwätzen, das Volk kämpft, auch das wäre ein Thema gewesen. Nur leider sieht das Volk in Palitzschs Inszenierung aus, wie es auf dem Theater fast immer aussieht: kostümierte, sich wohlgefällig gruppierende Statisterie. Nichts vondem Elend und der Erregung der historischen Situation wird spürbar. Statt dessen: eine unsägliche, operettenhaft verlächelte und verkitschte Liebesgeschichte unter Proleten, Rührendes ganz nahe beim Tode, wozu sich die Schauspieler Angelika Bissmeier und Klaus Wennemann hergeben mußten.