Spanien

Von Horst Bieber

Presse und Publikum schimpften gemeinsam: „Skandal“, „Schweinerei“ und „Speichellecker“. Skandal – damit waren die vielen Pannen, Unstimmigkeiten und Schlampereien bei der Auszählung der Stimmen gemeint, die bei den ersten freien Wahlen seit 41 Jahren von 78,3 Prozent der rund 23,5 Millionen wahlberechtigten Spanier in der vorigen Woche abgegeben wurden. Schweinerei – das galt der Flut von Plakaten und Werbezetteln, die Spaniens Häuser und Straßen verunzieren und die nun in Nachbarschaftshilfe, mit tatkräftiger Unterstützung der Parteien, abgerissen und eingesammelt werden. Speichellecker – dies traf die Mitarbeiter des staatlichen Fernsehens, die selbst in der Nacht der Auszählung noch die „Union des Demokratischen Zentrums“ (UCD) des spanischen Ministerpräsidenten Adolfo Suárez bevorzugt darstellten und sich damit den ewigen Zorn der benachteiligten Parteien einhandelten.

Die vordergründige Erregung über die drei „S“ beweist, wie sehr die Spanier vom Wahlergebnis überrascht und verwirrt wurden. Das Ausweichen auf Nebensächlichkeiten verwundert indes nicht: Zu gründlich hat diese Wahl das politische Gefüge Spaniens umgekrempelt. Sie hat Mythen zerstört und Hoffnungen begraben.

Gewinner der Wahlen – wenn auch mit Blessuren – ist Adolfo Suarez. Seine Zwölf-Parteien-Koalition UCD verfehlte knapp die absolute Mehrheit im Kongreß, obwohl Wahlrecht und Wahlkreiseinteilung seine Gruppe stark begünstigten. Der König hat seinen Favoriten Suárez bereits mit der Regierungsbildung beauftragt. Der Erfolg des alten und neuen Regierungschefs, der die „politische Mitte“ für sich okkupiert hatte, belegt den Wunsch der meisten Spanier nach einer „Reform in Ruhe“ und zugleich ihre Furcht vor Unruhen und einer Polarisierung.

Sieger der Wahlen ist freilich Felipe Gonzales, der junge Chef der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE). Sie etablierte sich als stärkste politische Kraft, und ihr Stimmenanteil, der ihr bei reiner Verhältniswahl noch mehr Mandate eingebracht hätte, dokumentiert das Verlangen nach tiefgreifenden Sozialreformen.

Verlierer der Wahlen sind die Rechten und Neofrancisten, deren Linie „Das Gute (des Franco-Regimes) bewahren, das Schlechte verändern die Spanier nicht honorieren. Die These, daß unter dem Mantel eines anachronistischen Systems längst eine moderne Gesellschaft herangewachsen war, hat sich noch einmal in der Niederlage der Rechten bestätigt.