Mönchengladbach, im Juni

Rechts sitzt der Haß. In den Augen der am Wochenende offiziell aus der Taufe gehobenen „Soziale Demokratische Union“ (SDU) betreibt Willy Brandt nichts anderes als eine europäische Volksfront. Einen „nützlichen Idioten“ nannte ihn ein Redner auf dem Gründungskongreß in Mönchengladbach – und heimste dafür eine stehend dargebrachte Ovation ein.

Mit dem blindwütigen Eifer von Konvertiten begreift sich die SDU, so ihr stellvertretender Vorsitzender Willi Sinnecker, als „Auffang- und Sammelbecken für alle diejenigen, die von der weitgehend korrupten, in sich gespaltenen, lebensfremden, neomarxistischen Ideologien verfallenen und insgeheim mit der kommunistischen Volksfront liebäugelnden SPD nichts mehr wissen wollen“. Dazu gehören auch manche Spintisierer, die für ihre in jahrelanger Heimarbeit zusammengebrauten Patentrezepte endlich ein Publikum gefunden hatten. Von der Knochenerweichung durch die Wohlstandsdemokratie war ebenso die Rede wie von der Betonierung unrentabler Bahnstrecken zwecks Behebung der Straßenverkehrsnöte.

Unter der SDU-Flagge segeln mancherlei Irritierte und Versprengte: Sozialdemokraten, die in ihrer kommunalpolitischen Praxis zunehmend bürgerlich-konservativ geworden sind – so der SDU-Vorsitzende und Braunschweiger Oberstadtdirektor Hans-Günther Weber; oder SPD-Mitglieder, deren entscheidendes politisches Erlebnis einst der Widerstand in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gewesen ist und die der sozial-liberalen Ostpolitik deshalb fremd gegenüberstehen – so der SDU-Geschäftsführer Werner Klaer, der zu denen gehörte, die am 17. Juni 1953 die rote Fahne vom Brandenburger Tor herabholten. Dazu kommen einige Christdemokraten, denen auch die CDU schon vom Sozialismus infiziert erscheint, etliche Nationalliberale und eine diffuse Schar von Leuten, die ihr politisches Glück vergeblich woanders versucht haben, deren Karrierehoffnungen nicht in Erfüllung gingen, Wanderer durch viele Welten – und schließlich die Querulanten.

Auffallend war, neben dem verbitterten Grundton, in Mönchengladbach nach Habitus und Hubraum der Anteil des gehobenen Mittelstands. Also eine Art deutscher Poujadismus mit bürgerlichem Grundzug? Auf jeden Fall eine bunte Gesellschaft, der die ganze Richtung nicht paßt und die auch die Welt nicht mehr versteht, mit Sehnsucht nach einem starken Mann und einem kräftigen Besen. Als Franz Josef Strauß lobend erwähnt wurde, gab es rauschenden Beifall.

Aber eine Galionsfigur fehlt noch. Auch die Fritz-Erler-Gesellschaft, die Weber mit gegründet hat, hielt sich in Mönchengladbach bedeckt. Auf der anderen Seite ist Jürgen Hartmann, ehedem die treibende Kraft der „Aktionsgemeinschaft Vierte Partei“, in den SDU-Vorstand gewählt worden. Realisten in der SDU verhehlen auch kaum, daß die neue Partei nur als Teil einer neuen, vierten Gruppierung und mit Rückendeckung durch die CDU oder CSU Fuß fassen könnte. Aus eigener Kraft wird sie verärgerte und enttäuschte sozial-liberale Wähler rechter Provenienz kaum davon abhalten können, gleich zur Opposition überzulaufen.

Carl-Christian Kaiser