Dietrich Thurau träumt vom Erfolg in der Tour de France

Von Uwe Prieser

Wenn Dietrich Thurau am Nachmittag des 30. Juni in Fleurance Sekunden vor dem Start zum Einzelfahren über 7,2 Kilometer seine Füße in die Pedalen stemmt, ist für ihn der Augenblick gekommen, ein weiteres Stück seines Traumbildes vom großen Radrennfahrer zu verwirklichen. Dietrich Thurau startet dann zu seiner ersten Tour de France. Die rund 4000 Kilometer dieses strapazenreichsten aller Radsportrennen sind für ihn mehr als irgendein großes Rennen. Dietrich Thurau, 22 Jahre alt, Frankfurter, zur Zeit Berufsrennfahrer in Diensten eines britischen Fahrrad- und Röhrenkonzerns, steht vor dem Schlüsselerlebnis seiner Karriere. Was wird ihm die Tour de France bringen?

Sein Talent läßt ihm keine Wahl: Er muß erfolgreich sein. Schon vor acht Jahren hat ihm seine außergewöhnliche Begabung fürdiesen Sport eigentlich keine Wahl gelassen. Denn der Bursche aus dem Frankfurter Vorort Schwanheim gehört zu der Sorte jener Menschen, von denen man behauptet, sie seien "zu etwas geboren". Einer wie Merckx zu sein, das ist sein Ziel. Und in dieser Zielvorstellung duldet er keine Kompromisse. Entweder man wird später von ihm erzählen, er habe sich die Welt vom Fahrradsattel aus erobert, oder er scheitert und bleibt im Schatten seiner Träume stecken als einer, der sich entweder in seinen Zielen oder in sich selbst geirrt hat.

Aber kann er sich überhaupt irren? Mit 15 Jahren war er schon Zweiter der deutschen Jugendmeisterschaft, mit 17 Jahren Meister, als 18jähriger Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, mit 19 Jahren Weltmeister im Bahnvierer. Jetzt ist Dietrich Thurau 22 Jahre alt, und die Liste seiner Frühjahrserfolge ist beeindruckender als die von Eddy Merckx. Er zählt zu den zehn besten Radrennfahrern der Welt. Und der Schriftsetzer, der Dietrich Thurau vor drei Jahren noch war, könnte die Schlagzeilen über den Rennfahrer, der er geworden ist, nicht mehr setzen, ohne über sich selbst in Verwirrung zu geraten.

Da ist das Traumbild vom großen Rennfahrer, der das große Geld macht. Dietrich Thurau braucht diese Vorstellung, um die Strapazen seines Berufes auf sich nehmen zu können. Die Wirklichkeit des Radsportgeschäfts aber zwingt ihn andererseits, sich immer wieder davon zu distanzieren. Und natürlich, dieser Zwiespalt läßt ihn nicht unberührt.

Keine Zeit zum Nachdenken