Von Gabriele Venzky

Das schwarz-südafrikanische Massenblatt World ließ am Wochenende, keinen Zweifel: "Wir alle wissen, daß das südafrikanische System unausweichlich zur Revolution führen muß. Wir wollen sie nicht. Aber wir können nicht bestreiten, daß sie kommt."

Niemand hatte geglaubt, die Revolution werde schon am letzten Wochenende ausbrechen. Mit Genugtuung verzeichnete der Polizeibericht "nur" dreizehn Tote während der Unruhen zum ersten Jahrestag von Soweto. Vor einem Jahr, als unverhofft die südafrikanischen Gettos rebellierten – unmittelbar vor dem ersten Treffen zwischen dem damaligen amerikanischen Außenminister Kissinger und dem südafrikanischen Premier Vorster im Bayerischen Wald – waren mehr als 600 Menschen getötet und Tausende verletzt worden.

Jetz hielt sich die weiße Staatsmacht zugute, daß sich das Blutbad nicht wiederholte. Zu Recht: Die Sicherheitsorgane haben ihre Methoden verfeinert und halten das Land fester in ihrem Griff als je zuvor. Zum offenen Bürgerkrieg wird es noch lange nicht kommen – und vorerst auch schwerlich zur bewaffneten Konfrontation mit Schwarzafrika. Aber am 16. Juni 1976 hat eine schleichende Revolution in Südafrika begonnen. Soweto war der Anstoß. Seitdem hat sich vieles verändert im südlichen Afrika.

Im Innern der Südafrikanischen Union verschärfte sich der Schwarz-Weiß-Gegensatz. Die Zugeständnisse der weißen Seite waren minimal; meist blieb es bei leeren Versprechungen. Im Gegenteil: Der Druck auf die schwarze Mehrheit und die mit ihnen sympathisierenden Weißen nahm zu. Dutzende berichten von Folterungen, Hunderte wurden verbannt, mehr als 5000 vor Gericht gestellt. Fast jeder der eineinhalb Millionen Einwohner Sowetos hat einen Freund oder Verwandten, der getötet oder verletzt wurde, der ins Gefängnis kam oder dessen Kinder vor der Polizei nach Botswana und Sambia flüchteten, weil sie mit ihren Protesten gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache die Unruhen ausgelöst hatten.

Die Folge war eine ungeahnte, für die Weißen bedrohliche Solidarisierung des schwarzen städtischen Vielvölkerproletariats und eine zunehmende Radikalisierung der jungen Schwarzen. Die früher von beiden Seiten geachteten gemäßigten schwarzen Führer wie Gatsha Buthelezi wagen sich heute nur noch mit Leibwache in die Gettos. Liberale Weiße werden nicht mehr als Gesprächspartner akzeptiert.

Zur gleichen Zeit hat Soweto den Bruch im weißen Lager bewirkt. Gewiß, die englischsprachigen Südafrikaner – knapp die Hälfte der vier Millionen Weißen – standen schon immer als fortschrittsverdächtig außerhalb des Machtzentrums. Doch nun ist auch der harte Kern, die burischen Afrikaner, in mehrere Teile zerfallen.