Düsseldorf: „Drei russische Dissidenten aus Leningrad“

Wer die kleine Galerie des Bulgaren Matey Stantschev betritt, tut gut daran, in seiner Erlebnisbereitschaft das politische Pathos und die Kunst auseinanderzuhalten. Und wenn man auch hier den auf verschiedenen künstlerischen Gebieten oft gebotenen Unterschied macht zwischen unmittelbarem („naivem“) Kunstgenuß und dem Genuß an der Information über Kunst, so ist schnell zu konstatieren: Die Information bei Stantschev hat das Prä, sie ist exzellent. Denn wer wüßte schon bei uns aus eigener Anschauung Genaueres über jene Nonkonformisten, die hier, zu Recht oder Unrecht, Dissidenten genannt werden? Lew Nussberg, der Maler, Kinetiker und Futurologe, der im vorigen Jahr Moskau verließ und jetzt in Paris lebt, schon in der UdSSR Protektor der Moderne war und sich als Spiritus rector der Düsseldorfer Darbietung erwies, formulierte es bei der Vernissage so: Die hier präsentierten Künstler seien nicht freiwillig zu Dissidenten geworden, sie seien von der Gesellschaft, in der sie leben, dazu gemacht worden. Alle vier (nicht drei) Künstler (Sachärow, Putilin, Dyschlenko, Wassiljew) gehören der jüngeren oder mittleren Generation an, Sie haben an irgendeinem Kunstinstitut oder Theaterinstitut studiert und sind des unverblümten Realismus, nicht nur des sozialistischen, total überdrüssig. Ihr Blick ist auf eine imaginäre hellere Zukunft gerichtet. Zugleich aber sind sie auch „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und sind in einen historischen Prozeß integriert. Außer zahlreichen westlichen Vorbildern (etwa Picasso, Léger, Matisse, Klee, Mondrian, Max Ernst, dazu Moore), orientieren sie sich auch an ihrer eigenen, russischen Vergangenheit: an der revolutionären Kunst vor, während, nach dem Ersten Weltkrieg. Wollte man den Versuch wagen, andeutungsweise von einem „Leningrader Stil“ zu sprechen, so könnte man zunächst sagen: Er unterscheidet sich vom Stil der Moskauer Nonkonformisten. Die Moskowiter zeigen zwar gleichfalls Allergie gegen den Realismus (Malerei, so könnte man ihre Auffassung analysieren, sollte nicht lediglich Transportmittel visueller Eindrücke sein), aber sie beharren eher im Gegenständlichen. Die Leningrader sind abstrakter. Es ist bezeichnend, wie sehr sie sich, außer etwa an Larionow und der Gontscharowa, an Kandinsky, Tatlin und Rodschenko, vor allem an Kasimir Malewitsch, ihrem Halbgott, orientieren, dessen berühmtes schwarzes Quadrat auf weißem Grunde von 1913 sich in der Moskauer Tretjakow-Galerie befindet (im Keller). Putilin zum Beispiel nähert sich dem Stil Malewitschs. Er treibt die Abstraktion weit voran, macht aber vor dem Absoluten meist Halt Auf gegenständliche Assoziationen wird nicht mehr spekuliert – wenn sie sich gelegentlich auch als belebende Elemente erweisen. Sachärow, der aus dem fernen Chabarowsk stammt und erst seit 1972 in Leningrad lebt, präsentiert Zeichnungen, die gegenständlich, aber nicht gerade sozialistisch sind, auch Karikaturen und Collagen. Suprematismus, Rayonismus, Konstruktivismus, Concept Art: es gibt fast nichts, was in der Praxis oder in der Theorie, in Entwürfen oder Tendenzen der Leningrader nicht nachweisbar wäre. Man sieht in der kleinen Düsseldorfer Ausstellung gute Arbeiten, manche faszinieren. Aber: in Leningrad gehören ihre Stile zur verbissen umkämpften Avantgarde. Für uns ist das zum Teil schon Arrieregarde oder ist passé. Ein Widerspruch tut sich auf zwischen energiegeladenem Aufgebot und bescheidener Nützlichkeit: Über dem ganzen Unternehmen liegt der Schatten der Tragik. (Galerie Stantschev bis 27. Juli, Informationsblatt 1 Mark.)

René Drommert

München: „Weinmüller Auktion“

Umschlagbild des Katalogs ist „Der Klosterbräu“ von Grützner, datiert 1899. Der wohlbeleibte Mönch zwischen Bierfässern (Schätzpreis 40 000 Mark) zeigt an, wo der Schwerpunkt der Versteigerung liegt: bei der Malerei des späten 19. Jahrhunderts, speziell der Münchner Schule. Lenbach, Stuck, Gabriel von Max sind mit Damenporträts dabei. Unter den Landschaftsmalern sind Anton Doll und Friedrich Voltz („Kühe am See“ von 1881, 40 000 Mark) hervorzuheben. Zu den Lieblingsmotiven zählen, neben dem trinkenden Mönch und dem Gemsenjäger, das Dirndl („Dirndl mit Hut“ von Rudolf Epp, „Lustige Gesellschaft“ von Emil Rau) und der Hütebub („Abendandacht“ von Friedrich Dürck). In der älteren deutschen Malerei findet man zwei Künstler, die selten angeboten werden: den Hamburger Franz Timmermann, mit dem 1541 datierten Gemälde „Christus und die Samariterin“ (20 000 Mark) und, aus dem 18. Jahrhundert, Christian Georg Schütz mit zwei Rheinlandschaften (je 14 000 Mark). In der Abteilung alte Plastik werden zahlreiche süddeutsche Putten und Leuchterengel angeboten, außerdem eine schwäbische „Anna selbdritt“, um 1510/20, das bedeutendste Objekt dieser Auktion. (Neumeister KG vormals Weinmüller am 29. und 30. Juni, Katalog 18 Mark.)

Gottfried Sello

Nürnberg: „Magisches Gold“