In Basel gab es dieses Jahr einen Wechsel der Schauplätze und Rollen. Im Stadttheater spielte man Botho Strauß’ "Trilogie des Wiedersehns": Verstrickungen, Zartes, Böses, Sinnloses in einem Kreis von Menschen, der durch nichts zusammengehalten wird als eine Ausstellungseröffnung im besonderen und die Kunst im allgemeinen. Auf einer kleinen Bühne in einer Galeriekoje der Kunstmesse aber führten an allen Messetagen Gilbert und George "The red sculpture" vor; eineinhalb Stunden lang spielte Englands lebende Doppelplastik teils Monument teils Marionettentheater, gingen die beiden Herren, rote Schminke auf Gesicht und Händen, stumm zu endlos repetierten Tonbandsätzen in abgezirkelten Bewegungen umeinander herum, standen unbeweglich und ohne eine Miene zu verziehen, schauten starr, waren wie aufgezogene Schaufensterpuppen im korrekten, schlecht sitzenden Anzug. Ich habe auf der Kunstmesse niemanden getroffen, der im Theater war; ob sich ein professioneller Schauspieler die perfekten Kollegen von der Skulptur angeschaut hat?

In Basel, dessen aufgeklärte Bürger im Kunstmuseum über Jahrhunderte Bürger die wohl prächtigste Kunstsammlung der Schweiz zusamprächtigste haben, gab es viel Schönes und Lustiges in diesen Messe-Tagen zu sehen: die große Böcklin-Ausstellung, den amerikanischen Konzept-Künstler Richard Tuttle, dann Panamarenkos Flugobjekte, ergänzt durch thematisch parallele Entwürfe von Leonardo, Böcklin, Tatlin. Und schließlich ritt in diesen Tagen Jean Tinguely auf einem Kamel in die Stadt, um den von ihm entworfenen Brunnen, der zwischen Stadttheater und Kunsthalle aus allen zwischen Brausen, Löchern und Schläuchen Wasser speit und spritzt, einzuweihen.

Die Kunsthändler, Künstler, Kritiker und anderen Käuze, die von der "Arte Fiera" in Bologna kamen, an Kassel dachten und per Plakat bereits auf den Kölner Kunstmarkt hingewiesen wurden, hatten, wie immer, keinen Grund, sich in Basel nicht wohl zu fühlen. Alles klappte, wie immer, bei dieser Schweizer Präzisionsveranstaltung. Von den rund 290 Ausstellern aus 21 Ländern machten, wie meist, ein paar ein gutes, ein paar mehr ein annehmbares Geschäft, ging es bei den meisten plus minus null aus, setzten einige Geld zu in dem Bewußtsein, daß die Teilnahme in Basel eine langfristige Kapitalanlage ist. Immerhin kostet die Unterhaltung eines normalgroßen Stands (etwa 50 qm) plus Transport, Versicherung und Spesen für minimal zwei Personen rund 20 000 Mark. Und so schnell sind die nicht wieder verdient. Eine Kunstmesse ist aber, anders als eine Miederwarenmesse, der Ort, um Langzeitwerbung zu machen, zu zeigen, daß man noch mit von der Partie ist. Und es ist der Ort, um sich zu informieren.

Die Information, die die Messe bot, war in diesem Jahr eher harmlos und harmonisch als kontrovers und kontraststark. Das zeigte sich besonders deutlich bei den Einzelrepräsentationen. Sam Francis bei Beyeler, Adolph Gottlieb bei Emmerich, Delvaux bei Isy Brachot, Bernard Schultze bei Rothe: Hier verläuft von der ungebundenen Farbsetzung bis zur phantastischen Thematik eine Linie des Surrealen. Was bei den genannten Beispielen durch die Qualität des beinahe Klassischen (und das heißt: zur Zeit seiner ersten Erscheinung Anti-klassischen) gesichert war, versickerte dann allerdings rasch und umfangreich Etagen tiefer im kleinen Schauerwerk (so bei den mit Sakralsymbolen und Sadowerkzeugen keck gespickten Kästen von Eva Wipf). In dieser Atmosphäre bekamen dann die Pioniere des Konstruktivismus (hervorragend und ausführlich bei Gmurzynska oder auch die späten Monochromen einen neuen alten Hauch von Opposition.

In Basel wird jedes Jahr einer anderen Nation die Gelegenheit zu einer Länderschau gegeben, und auf der "Art 8 ’77" war die Bundesrepublik Deutschland an der Reihe. Der Bundesverband Deutscher Galeristen hatte die Aufgabe delegiert an Peter Beye (Staatsgalerie Stuttgart), Johannes Cladders (Städtisches Museum Mönchengladbach), Dieter Honisch (Nationalgalerie Berlin), Max Imdahl (Ruhruniversität Bochum) und den Kunstkritiker Georg Jappe (Köln). Auf immerhin 900 Quadratmeter haben sie dreißig Jahre deutsche Kunst in knapp sechzig Beispielen auszubreiten, oder besser, zu reduzieren versucht auf sieben Themenkreise, die, wie es im Katalogvorwort heißt, "zwei Seiten einer typisch deutschen Medaille" zeigen sollten: Romantik und Rationalismus. Diese beiden Seiten wurden kontrapunktisch streng und mit überwiegend eindrucksvollen Arbeiten belegt: beginnend mit Wols, Nay und Hartung, Uhlmann; weitergeführt mit Beuys, Richter, Graubner und Fruhtrunk, Lenk; bis hin zu Palermo, Darboven und Rückriem, Rinke. Diese Darbietung war konsequent, aber ungerecht. Die ganze surreale Seite der deutschen Kunst wurde, der Einheitlichkeit der Linie wegen, unterschlagen: Max Ernst (ein gewesener Deutscher zwar, aber das sind die hier eingemeindeten Albers, Wols und Hartung auch), Klapheck, Schultze, Wunderlich kommen nicht vor. Was einem vielleicht nicht so rasch einfallen und auffallen würde, wenn, um der Gesamtkonzeption willen, nicht auch manches Fragwürdige ausgestellt wäre (Heerichs Kinderzimmer-Minimal-Pappschachteln) oder andere Werke durch verschwenderisch üppigen Freiraum rundherum in eine kaum angemessene klassisch heilige Höhe gestemmt wären. (Erwin Reuschs Bodenplastik, Palermos Wandskulptur). Eine schöne, streng auf eine karge Linie getrimmte Darbietung: ohne Wildwuchs, Ränder, Ecken. Eine kühle Schau, ungerecht und deshalb eindrucksvoll.

Petra Kipphoff