Die irischen Wahlen brachten eine überwältigende Niederlage für Liam Cosgraves Koalitionsregierung mit der Labour-Partei: Entgegen allen Erwartungen gewann die Opposition 84 von 148 Parlamentssitzen.

Jack Lynch, der listige Erbe de Valeras im Vorsitz der Fianna Fall – der „Soldaten des Sckicksals“ –, hat mit Steuerversprechen gewonnen, die selbst ein Finanzminister mit den minimalen Inflationssorgen eines Hans Apel nicht einhalten könnte. Honoriert Lynch seine Zusagen, so muß er das Land hoch verschulden. Honoriert er sie nicht, besteht die Gefahr, daß er statt dessen andere Wählererwartungen erfüllt. Da böte sich nur Nordirland an. Fianna Feil ist die Partei, die seinerzeit den Vertrag über die Teilung der irischen Insel nicht unterschrieben und sich seither als republikanischer Bannerträger einer Wiedervereinigung etabliert hat.

Die kann es nicht geben ohne Zustimmung der nordirischen Mehrheit, und die ist protestantisch und wird Nein sagen bis zur Konsequenz der verbrannten Erde. Dieses schlichte Faktum haben südirische Politiker der Lynch-Couleur bisher mit dem Nebel traditionellen Anti-Britentums zu verhüllen gewußt. Lynch war Premierminister in Dublin, als die Bürgerrechtsbewegung von 1969 in den Quasi-Bürgerkrieg der folgenden Jahre überging – dank einer Renaissance der obsoleten IRA, die auf Sympathie der „Soldaten des Schicksals“ zu bauen wußten. Als Liam Cosgraves Koalition nach der Ermordung des britischen Botschafters striktes Durchgreifen gegen den Terror auch in der Republik beschloß und sich zu einer eifrig europäischen Politik bekannte, atmeten alle auf, denen der Ostermarsch von 1916 nicht länger die Richtschnur der irischen Politik sein sollte. Lynch bekämpfte dieses Durchgreifen. Seine Parteifreunde versprachen, die einschlägigen Gesetze zu revidieren.

Der Wahlsieger will den britischen Premierminister zum frühestmöglichen Zeitpunkt treffen, um Ulsters Zukunft zu besprechen. Als Lynch zuletzt Regierungschef in Dublin war, trug Callaghan noch als Londoner Innenminister die Verantwortung für Nordirland. Dessen Räumung durch britische Truppen ist Bestandteil des Wahlprogramms der Fianna Fail, auch ein Staatenbund zwischen den sechs nördlichen und den 26 südlichen Provinzen gehört zum Glaubensbekenntnis der Partei. Aus all dem kann nach britischer Ansicht nichts werden, so lange der Terror nicht beendet und sich keine nordirische Mehrheit für Abzug oder Wiedervereinigung findet.

Die augenblickliche britische Direktherrschaft in Ulster befriedigt freilich die Londoner Zentrale so wenig wie die Dubliner Zuschauer. So weit reicht die Einigkeit, weiter geht sie vermutlich nicht. Doch ein Plan der Räumung Ulsters aus der Feder Harold Wilsons ist unvergessen. Mit Labour könnte Lynch über solche Perspektiven reden. Was allerdings das Verhältnis einer heraufziehenden konservativen britischen Regierung zu Dublin angeht, sieht jedermann beiderseits der Irischen See schwarz. Mit Frau Thatcher über eine Preisgabe Nordirlands sprechen zu wollen, wäre, als versuchte man den Franzosen das Elsaß abzuluchsen. Insofern ist das irische Wahlergebnis ein Anachronismus aus den Tagen des krassen Nationalstaatsdenkens. Karl-Heinz Wocker (London)