Eine filzbezögene Gummikugel, zwischen 6 35 und 6 67 Zentimeter im Durchmesser, nicht weniger als 56 70 und nicht mehr als 58 57 Gramm schwer, mit einer Mindestsprunghöhe von 1 35 und einer maximalen Sprunghöhe von 1 475 Meter, wenn man das Ding bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius aus einer Höhe von 2 54 Meter auf eine harte Unterlage fallen läßt — das ist die Sache, um die es geht. Eine runde Sache. Ein Tennisball.

Seit nunmehr hundert Jahren ist es das Schicksal des filzbewehrten Springinsfelds, in ungezählten Exemplaren nach gewissen Regeln der Tenniskunst verdroschen zu werden. Die Leute machen sich ein Vergnügen daraus. In den letzten Jahren haben sie auch ein Handwerk daraus gemacht, eines mit goldenem Boden. Jene Elite sportlicher Damen und Herren, die darin Spezialisten sind, führt in diesen Tagen beim großen Jubiläumsturnier von Wimbledon wieder einmal eindrucksvoll vor, was so ein kleiner Tennisball alles hergibt, wenn man ihn nur richtig bearbeitet. Hinund hergestoßen übers Netz, geprellt und geprügelt, gestreichelt, gelobt und angeschnitten von Meisterhand, spuckt er Pfund und Dollar aus. Nur insoweit unterscheidet sich Tennis heute vbn Grimms Märchen, als es tatsächlich wahr ist. Seit der australische Rotschopf Rod Laver 1971 als erster Tennisprofi der Welt Dollar Millionär wurde, hat das Geld die totale Herrschaft auf dien Centre Courts angetreten, und wer immer mit dem Rackett entsprechend umzugehen vermag, kann sich eine goldene Nase verdienen. Hundert Jahre nach dem ersten Turnier von Wimbledon, Zu dem die Aktiven noch ein Pfund und einen Shilling Nenngeld mitbringen mußten, sind die schwingender Millionäre. Einer von ihnen, der Amerikaner Arthur Ashe, gestand denn auch freimütig: Wir spielen schon längst nicht mehr um Trophäen, wir spielen um kleine Stückchen Papier mit möglichst vielen Nullen darauf " Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Daß Wimbledons in diesen Tagen hundert Jahre alt gewordenes Turnier immer noch das glanzvollste, reizvollste, aufregendste Tennisturnier der Welt ist, ist nicht durch viele Nullen begründet. Die Preisgelder von Wimbledon sind so aufregend nicht. Weniger im Materiellen als im Ideellen liegt die Faszination dieser nach wie vor als Nonplusultra des Tennissports geltenden Meisterschaft, deren Tradition und unverrückbare Prinzipien britischer Sportsgeist durch all die Jahre verteidigte.

Wimbledon, dieser noble Londoner Vorort, dessen Name im Ohr klingt, als sei er für Tennis extra erfunden worden, übt unwiderstehlichen Reiz aus, und vermutlich ist es der einzige Ort in der Tennis Geographie, zu dem die Nomaden des ehemals weißen Sports auch heute noch nicht allein der Schecks wegen ziehen. Selbst Rumäniens exzentrischer Tennisstar Hie Nastase ließ wissen, in Wimbledon würde er sogar spielen, wenn es keinen Pfennig zu verdienen gäbe. Die knorrigen Herren des Klubkomitees hören dergleichen imm<jr gern, lassen es aber klugerweise nicht darauf ankommen. Man ist in Wimbledon traditionsbewußt, aber nicht weltfremd.

So erhöhte, als es 1974 zu einer Übereinkunft über die Teilnahme der Profis kam, der "All England Lawn Tennis und Croquet Club" die Geld preissumme freilich um 50 000 auf mehr als 100 000 Pfund. Inzwischen sind beim Wimbledon Turnier umgerechnet knapp 800 000 Mark zu gewinnen. Diese Summe, obgleich bei weitem nicht die Spitze im internationalen Turnierzirkel, halten die Herren der Turnierleitung, in der Mehrzahl Luftmarschälle, Obristen und Majore a. D mit Recht für angemessen, und wo immer einer mehr will, lassen sie mit sich reden. Unter Druck setzen lassen sie sich nicht. Als im vergangenen Jahr Chris Evert, Siegerin im Dameneinzel und Präsidentin der Vereinigung der Beruf sspieler rinnen, für die Damen eine dem Niveau der Herren Preisgelder absolut angepaßte Entlohnung forderte und mit Boykott drohte beschied Klubpräsident Sir Brian K. Burnett sie auf später. Man werde die Sache überdenken.

An Befürwortern eines moderneren (sprich: den Interessen eines kommerzialisierten Sports besser dienenden) Wimbledon fehlt es nicht. Doch standhaft erwehren sich die Burgherreh aller Versuche, in die efeuumrankte Festung des konservativen Tennis eine Bresche zu schlagen. Was nicht heißt, daß sie nicht doch eines Tages den aus dem Jahre 1922 stammenden, bedenklich baufällig wirkenden Centre Court und die ihn umEgebenden 15 Plätze erneuern werden. Doch so sicher auch künftige Generationen von Turnierbesuchern auf der Anlage Erdbeeren mit ungeschlagener Sahne schlecken werden, so sicher wird nie ein Kunststoff den heiligen Rasen von Wimbledon verdrängen.

Stets genau 400 Mitglieder, 325 männliche und 75 weibliche, zählt Her "All England Lawn Tennis Club". Erst wenn ein altes Mitglied, in der Regel durch Tod, ausscheidet, kann ein neues aufgenommen werden. Undenkbar, daß Klubtreue es zuließe, im Dienst an den Linien ergraute, zuweilen schon etwas kurzsichtige Schiedsrichter durch fremde professionelle Kräfte zu ersetzen. Die Profis, die ein "out" zur falschen Zeit unter Umständen teuer zu stehen kommen kann, fordern es immer wieder. Doch in Wimbledon hat man sich der Würde und der Tradition stets stärker verpflichtet gefühlt als der Effektivität. Dieser Klub hat sich immer nur soweit zu Änderungen bereitgefunden, daß er derselbe bleiben konnte, sogar in den letzten Jahren seiner hundertjährigen Geschichte, als sich die internationale Tennisszene ringsum radikal, ja revolutionär, veränderte.

Noch bis Ende der sechziger Jahre galt es als ausgesprochen unfein, Tennis als Gewerbe zu betreiben. Das änderte sich, als sich die Spieler in der Association of Tennis Professionals (ATP) organisierten und Leute wie der texanische 01magnat Lamar Hunt ins Geschäft einstiegen. Multimillionär Hunt gründete das Unternehmen World Championship Tennis (WCT), nahm die Stars unter Vertrag und diktierte fortan den Veranstaltern seine Bedingungen. Als konkurrierendes Profi Unternehmen etablierte sich in den USA später die sogenannte Städteliga WTT (World Team Tennis), Deren als Aktiengesellschaften geführte Klubs kaufen ihre Stars zu jeder Saison neu ein und unterscheiden sich vom herkömmlichen Tennisbetrieb durch besonders legeren Umgang mit den Tennissitten. In den Wettkämpfen der WTT wird, in bunter Kleidung und nach Sonderregeln, jeweils nur über einen Satz gespielt, neuerdings sogar auf farbig unterteilten Spielfeldern.