Von Kai D. Eichstädt

Aberglaube zählt im heißumkämpften Fährgeschäft auf der Ostsee nicht. Also blieben die Verantwortlichen, zumindest nach außen, gelassen, als die Jungfernfahrt der Finnjet immer wieder verschoben werden “mußte. Die Schiffsingenieure weigerten sich, mit dem Schiff der Superlative in See zu stechen. Nicht etwa, weil ihnen die neuartigen Motoren – die Finnjet hat Gasturbinen, ähnlich wie die Maschinen der fliegenden Konkurrenz – nicht geheuer wären, sondern aus Sympathie mit Kollegen der finnischen Kraftwerke. Auch der Blechschaden am Bug, die Folge einer unsanften Berührung mit dem Anleger des Skandinavienkais wurde souverän registriert – schließlich verlief ja auch die Einführung der Jumbo-Jets im Luftverkehr nicht ohne Pannen. Inzwischen läuft die Finnjet pünktlich jeden zweiten Abend in Travemünde ein, um 16 Uhr.

Nur zwei Stunden Aufenthalt sind für deutsche Fährhäfen eingeplant. In dieser kurzen Zeit müssen bis zu 1532 Passagiere, mehr als 200 Pkw, Lastwagen und Busse das Schiff verlassen; müssen die gleichen Mengen an Bord. Da ist alles his ins kleinste Detail geplant. Abfälle aus der Küche, den verschiedenen Läden und Bars werden per Container an Land gehievt. Neue Container (mit automatischer Kühlung) kommen an Deck. Der Spuk am Skandinavienkai ist pünktlich nach zwei Stunden beendet. Die Finnjet bugsiert sich selbsttätig zum engen Fahrwasser hinaus, 22 Stunden später ist Helsinki erreicht.

Keine Frage, mit der Finnjet ist für den Passagierverkehr auf der Ostsee ein neues Zeitalter angebrochen, wahrscheinlich schon das non plus ultra erreicht. Noch schnellere, noch größere Schiffe lohnen sich für die Ostsee nicht. Weniger mutige Fährreeder meinen gar, die Finnjet hätte alle vernünftigen Dimensionen bereits gesprengt und ziehen ihrerseits Konsequenzen: Die Travemünde-Trelleborg-Linie hat in Dänemark die Robin Hood gechartert und spekuliert auf Passagiere, denen die Finnjet zu schnell und zu groß ist.

Seereisenromantiker nämlich werden sich auf der neuen Königin der Ostsee zwar wohl fühlen, aber sie werden vermissen, was ihnen einst eine Seereise lieb und wert machte: Geruhsamkeit, Träumerei an der Reling, Spaziergänge an frischer Luft...

Vor 20 Jahren war dies alles auf dem Wege nach Helsinki noch üblich: In der Saison fuhr einmal wöchentlich die Oihonna. Den Skandinavienkai gab es damals noch nicht. Die Oihonna begnügte sich mit einem der hölzernen Anleger am Traveufer, wo heute die Segelyachten festmachen. Wenn es regnete, hatten die Passagiere Pech; die Zollabfertigung fand im Freien statt. Nur 163 Passagiere hatten auf dem Schiff der Suomen Höyrylaiva Osakeyhtiö – zu deutsch Finnische Dampfschiff AG – Platz.

Die Oihonna war schon damals eher ein Museumsstück, aber für den sich entwickelnden Finnlandtourismus war sie groß genug. Ein Vergleich mit der Finnjet bestätigt Theodor Heuss: heute reisen wir nicht mehr um des Reisens willen, sondern um anzukommen. Dreimal mußten die Passagiere auf der Oihonna übernachten, bevor sie schließlich Helsinki erreichten.