Auf einer Karikatur, die zum 50. Jahrestag der ersten Atlantik-Überquerung in der New York Post erschien, fragt der Held Charles Lindbergh, während er auf den Schultern begeisterter Pariser vom Platz getragen wird: „Habe ich auch nicht zuviel Lärm bei der Landung gemacht?“ Die New York Times druckte eine zweiseitige Anzeige der Air France – auf der einen Seite, einer Titelseite des Blattes vom 22. Mai 1927, gegenüber ein Photo von der „Concorde“: „Merci, Lindbergh, Du hast uns den Weg gewiesen.“

Jene New Yorker, die von ihrem Wohnzimmerfenster aus den Kennedyflughafen sehen können, leben in der Furcht, daß der Superbrummer eines Tages über ihren Köpfen zur Landung ansetzen könnte. Ein Jahr lang gewährte ihnen der Concorde-Bann einer lokalen Verkehrsbehörde Schutz, doch nachdem ein Bundesrichter die Entscheidung kürzlich für verfassungswidrig erklärte, weil die Luftfahrtbehörde in Washington den Testflügen zugestimmt habe und Bundesrecht vor Landesrecht gehe, ist die Aufnahme der Flüge in greifbare Nähe gerückt.

Seitdem wehren sich die Bewohner von Howard Beach, einer bürgerlichen Wohngegend im Stadtteil Queens. Zum Beispiel mit „Drive-ins“: Während rund 1000 Anlieger-Autos die Zufahrtsstraßen zum Flugplatz blockierten, versuchte ein Häuflein wildentschlossener Motorbootbesitzer sogar, von einer angrenzenden Bucht aus auf der Runway zu landen. Die Vorsitzende der „Notkoalition Haltet die Concorde“ flog nach London, um in Heathrow mit eigenen Ohren den Lärm des Super-Schallbrechers zu hören. Unbeeindruckt von der Großzügigkeit der britischen Regierung, die ihren Vier-Tage-Trip bezahlt hatte, meinte Carol Berman bei ihrer Rückkehr: „Der Lärm ist schlimmer, als ich es mir in meinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt habe, ich bin fast ohnmächtig geworden. Er lähmt jeden Nerv. Es gibt dafür nur einen Ausdruck: obszön.“

Lokalpolitiker berufen Versammlungen ein, auf denen sie gegen „ein paar reiche Geschäftsleute zu Felde ziehen, die das Leben der Leute von Queens zerstören, nur um rechtzeitig nach Paris zum Cocktail zu kommen“: Ein Kolumnist des Massenblattes Daily News berichtete seinen Lesern, wie der Mann lebt, der über das Schicksal der Leute von Queens entscheiden will, Richter Pollack: in einem Haus an der Park Avenue, dessen elegante Eingangshalle mit ihren weichen Teppichen das Motorengeräusch der vorbeifahrenden Mercedes, Bentleys und Taxis verschluckt. Busse und Lastwagen dürfen hier nicht fahren.

„Ich sehe keinen Beamten, der die Partei der Queensbewohner ergreift“, schrie der Kongreßabgeordnete Leo Ryan bei einem Hearing, zu dem in eine Schule nahe des Flugplatzes geladen worden war. Der Lärm der landenden Jets ließ die Beteiligten zeitweilig ihr eigenes Wort nicht verstehen.

Nicht, daß New Yorker für Helden kein Verständnis hätten. Gerade erst haben sie einen modernen Lindbergh begeistert gefeiert, als er, mit selbstgebastelten Steigeisen, am World Trade Center hochkraxelte. Sie waren empört, als die Stadt den 27jährigen Spielzeugmacher und passionierten Bergsteiger George Willig zu 250 000 Dollar Strafe verdonnerte und erleichtert, als die Zahlung in symbolische 1,10 Dollar umgewandelt wurde – einen Cent für jedes Stockwerk.

Sie verkennen nicht, daß auch die Concorde ein heldisches Unterfangen ist, aber sie fürchten, daß es sich schließlich gegen die Menschen richtet, statt ihnen zum Segen zu gereichen. Sie sind böse auf Jimmy Carter, der ihnen vor der Wahl ein Concordefrei es Leben versprochen hatte und nun, da er Präsident ist, das Gegenteil empfiehlt. Inzwischen hat eine andere gerichtliche Instanz das New Yorker Concorde-Verbot wieder bestätigt. Doch inzwischen hat auch das Repräsentantenhaus für eine Landeerlaubnis gestimmt. Beide Seiten sammeln Punkte.

Barbara v. Jhering