Die Nachricht war schon Wochen vorher publik, der Eintritt kostete rasend viel Geld, die Neugier bei den Fans war bedeutend – und dann gab es eine Menge Ärger. Zwar trat Jerry Lewis auf, aber eigentlich war er viel zu weit weg, als daß er wirklich da war: auf einer großen Bühne in einem sich weit verlaufenden Saal; unmöglich zu erkennen, welche mimischen Katastrophen sich da vorn in einem streichholzkopfgroßen Gesicht zwischen schwarzer Schmalztolle und schwarzer Fliege ereigneten. Und ehe es in Hamburg, wo die kleine Tournee des amerikanischen Film- und Fernsehkomikers durch vier deutsche Städte begonnen hat, richtig losging, mußten zwei ganz überflüssige, aber branchentypische Präludien erduldet werden.

Das erste dieser zwei Vorspiele hatten die Veranstalter besorgt, indem sie das Publikum lümmelhaft behandelten. Da sie offenbar bis zuletzt nicht hatten wahrhaben wollen, daß die Lewis-Gemeinde viel kleiner ist als gedacht, hatten sie erst spät den ganz großen Kongreßhallen-Saal gegen einen halb so großen getauscht, aber nicht die Eintrittskarten. So gab es viele Reihen und viele Sitze, auf die man einen Anspruch erworben hatte für mitunter 65 Mark, nun gar nicht mehr.

Die Platzanweiser rieten dem ratlos umherirrenden Publikum auf die dümmste Weise, indem sie empfahlen, sich irgendwo einen der vielen hundert nicht verkauften Plätze zu suchen, also sich einfach hinzusetzen und es darauf ankommen zu lassen. So hub denn eine würdelose Schieberei und Drängelei an zwischen den einen Anspruchsberechtigten und den anderen Anspruchsberechtigten. Plätze wurden gesucht, Plätze wurden besetzt, Plätze wurden reklamiert, Plätze wurden nicht geräumt, böse Sätze flogen hin und her und viele Verbalinjurien wurden stumm verschluckt. Der Saal schwirrte von Verwünschungen. Das Hin und Her setzte sich fort und wurde immer nervöser, als das Platzspektakel noch nicht beendet, aber das Licht ausgegangen war und die Musik schon angefangen hatte.

Keiner der Veranstalter – weder die Frankfurter Firma Mama-Concerts noch die Hamburger Firma Jahnke – bat um Nachsicht, keiner hob die selber ungültig gemachte Sitzordnung konsequent für alle auf, nirgendwo und erst recht nicht über die monströs getürmten Lautsprecher fiel irgendein Wort der Entschuldigung. Die einzige Reaktion war der Satz eines Platzanweisers: „Dann lassen Sie sich doch das Geld wiedergeben.“ Eine etwas bittere Alternative für einen Lewis-Fan, den es nun für 65 Mark in eine hintere Reihe verschlug. Das zeigte, alles zusammen, viel Verachtung für ein Publikum.

Dieses Vorspiel reichte noch weit in diesen tollen Abend hinein, besonders gewalttätig aber ins nächste Vorspiel, dem die amerikanische Sängerin Cathy Carlson standzuhalten hatte. Woher sollte sie wissen, daß das Rumoren im Parkett, daß die Pfiffe und Zwischenrufe gar nicht ihrer bedauernswerten Person galten und erst recht nicht, ihrem durch Orchester und Lautsprecher, dick überdröhnten Gesang, sondern einer anderen verbreiteten Unsitte, nämlich das volle Programm zu verschweigen? Auf keinem Plakat war sie angekündigt, nicht einmal in der kleinsten wahrnehmbaren Schrift genannt, und kein Kartenverkäufer hat erwähnt, daß Jerry Lewis nur den halben Abend – also für das doppelte Eintrittsgeld – gegenwärtig sein werde. Wer also sollte sich denn da nicht berechtigt fühlen, an Betrug zu denken? Es schien ja doch alles geplant, da doch bekannt sein dürfte, daß Vorprogramme bei uns nicht als Talentprobe oder als Talentchance, sondern als mutwilllige Verzögerungen verstanden werden.

„Jetzt nicht mehr singen“, rief eine Stimme – wahrhaftig, man wollte keinen Gesang, sondern Komik. Und schließlich erklärte eine andere Stimme der Sängerin die Unsitte, deren Opfer sie war: „Die Musik ist zu laut!“ Am Steuerpult der Verstärkeranlage saß, wie üblich, ein halb tauber und vollständig unmusikalischer Mensch. Worum es ging, nämlich eine Stimme kennenzulernen, machte er unhörbar. Arme Cathy Carlson: wie sollen wir nun erfahren, ob ihre freche Sommersprossen-Stimme und ihre Keßheit Beweis eines Talents sind?

Selbst ihr Dirigent gehörte nicht zu den empfindsamen Musikern, denn er ließ sein „Concert Hall“-Zufalls-Orchester bedenkenlos über seine Sängerin hinweglärmen. Sie hielt verzweifelt, aber tapfer durch, bis die englische Stimme des deutschen Veranstalters den „Ladys and Gentlemen“ aus Barmbek und Blankenese bekanntmachte, daß nun Pause sei. Es wurde eine sehr nervöse, unmutsvolle Pause. Dann fing, wahrhaftig, das Hauptereignis an.