Eine gefährliche Lücke im Arzneimittelgesetz

Von Hans-Wolfgang Heubner

Zu berichten ist eine Horrorgeschichte: von schätzungsweise 20 000 Vergiftungsfällen und rund tausend Todesfällen, pro Jahr in der Bundesrepublik Deutschland, ohne daß irgend jemand die Verantwortung zufiele. Die Rede ist von rezeptfreien Schlaf- und Beruhigungsmitteln, die als wirksame Inhaltsstoffe organische Bromverbindungen enthalten und offensichtlich eine erhebliche Gesundheitsgefährdung für diejenigen Personen darstellen, die sie immer noch rezeptfrei und in jeder beliebigen Menge in jeder Apotheke erhalten können.

Dem Hannoveraner Pharmakologen Ulrich Schwabe gebührt das Verdienst, auf diese Gefahr nachdrücklich hingewiesen zu haben (Deutsche Medizinische Wochenschrift vom 17. 6. 1977). Die Bromcarbamide (Bromisoval, Carbromal und Acecarbromal) gehören zu den ältesten synthetischen Schlafmitteln: Schon vor über 70 Jahren wurden sie auf den Markt gebracht. Sie werden allgemein als leichte Mittel angesehen. Eine leichte Aufnahme durch den Magen-Darmtrakt gewährleistet einen Schlaf von drei bis vier Stunden. Entsprechend schnell erfolgt ihr Abbau im Körper: Schon nach etwa vier Stunden ist die Blutkonzentration auf die Hälfte abgesunken.

Allerdings wird im Abbauprozeß das Brom aus den organischen Verbindungen freigesetzt, und dieses Element hat die unangenehme Eigenschaft, innerhalb von zwölf Tagen nur etwa zur Hälfte aus dem menschlichen Körper ausgeschieden zu werden. Die logische Folge dieser Eigenschaft ist das Auftreten von chronischen Bromvergiftungen bei Patienten, die Bromcarbamide regelmäßig in der vom Hersteller empfohlenen Dosis einnehmen. Aus diesem Grunde bezeichnet das autoritative Lehrbuch für Pharmakologie und Arzneitherapie der amerikanischen Autoren Louis S. Goodman und Alfred Gilman Stoffe dieser Art in seiner neuesten Auflage (1975) als obsolet, das heißt veraltet und ersetzbar durch bessere Arzneimittel.

Zu einem Problem für die Bundesrepublik wurden die Bromcarbamide erst, nachdem 1961 Contergan wegen seiner schrecklichen Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde und in der Folgezeit eine Reihe von weiteren, bis dahin rezeptfreien Schlafmitteln aus Sicherheitserwägungen der Rezeptpflicht unterstellt wurden. Seit dem Jahre 1968 wurde – so Professor Schwabe – in vielen deutschen Vergiftungszentren ein besorgniserregender Anstieg der Vergiftungen mit bromcarbamidhaltigen Schlafmitteln beobachtet: Von 756 Patienten, die mit Schlafmittel Vergiftungen in die toxikologische Abteilung der Zweiten Medizinischen Klinik rechts der Isar in München eingewiesen wurden, hatten mehr als die Hälfte versucht, mit Bromcarbamiden ihrem Leben ein Ende zu setzen. Was die rezeptfreien Bromcarbamide aber insbesonders von rezeptpflichtigen Schlafmitteln anderer Zusammensetzung unterscheidet, ist ihre besondere Giftigkeit. Es gelingt oft nicht, Patienten zu retten, selbst wenn sie in einem frühen Stadium der Vergiftung in klinische Behandlung gelangen.

Die gefährliche Schocklunge