Paris, im Juni

Unerwartete Töne vernahmen die Delegierten beim Kongreß der Sozialistischen Partei Frankreichs am letzten Wochenende. Michel Rocard, einer der einflußreichen und brillanten Männer der Partei, packte ein heißes Eisen an: "Heute kommt in der französischen Linken ein brutal antideutscher Reflex hoch. Dieser Reflex ist töricht." Was Rocard in die Kategorie der "schwierigsten Probleme" einreihte, ist in der Tat ein Stück unbewältigter Zukunft für die französischen Sozialisten: das Verhältnis zum deutschen Nachbarn.

Für manche Sozialisten gehört es heute zum guten Ton, die Bundesrepublik als Handlanger amerikanischer Interessen und als imperialistische Großmacht in Europa darzustellen. Vor allem den "Jungsozialisten" der Ceres-Gruppe gilt Bonn als Partner der "heiligen Allianz des Kapitals", die eine linke Politik in Frankreich wirkungsvoll sabotieren könne. Unumwunden erkärten die Anhänger dieses linken Flügels: "Es ist wahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten nicht direkt in die französischen Angelegenheiten eingreifen werden, sondern dies eher mit Hilfe Deutschlands tun."

Daß in Bonn Sozialdemokraten am Ruder sind, beruhigt die französischen Sozialisten keineswegs – will doch die Partei Willy Brandts die Kompetenzen des direkt gewählten Europäischen Parlaments ausweiten. Alles, was nach mehr Supranationalität aussieht, ist aber für die französischen Sozialisten der Anfang vom Ende nationaler Unabhängigkeit. Darin sind sie sich mit ihren kommunistischen Partnern (wie mit den Gaullisten) einig. Schließlich hat auch Helmut Schmidt nie einen Zweifel daran gelassen, daß er jedes Volksfrontexperiment in Europa ablehnt, sei es in Italien, Frankreich oder ander wo.

Nicht nur Leute wie Ceres-Sprecher Jean Pierre Chevenement finden, solches Verhalten grenze schon hart an Einmischung in innerfranzösische Angelegenheiten. Sein Argument heißt: "Es geht nicht darum, antideutsch zu sein. Es geht darum, zu wissen, ob Deutschland ein sozialistisches Experiment in Frankreich beschleunigt oder bremst." Doch derartiges Mißtrauen entspricht nicht der Parteilinie. Rocard, der in Nantes als Sprachrohr Mitterrands auftrat, predigte die Bereitschaft zum Verständnis: "Welches Urteil man auch immer über die Politik der deutschen Sozialdemokratie fällt, Sozialismus hat nur auf europäischer Ebene Zukunft."

Gerade beim jüngsten Parteitag machte Mitterrand klar, daß er irrt Falle eines linken Wahlsieges eine pragmatische Politik betreiben will. Dazu gehört die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik, auch wenn sie die "dominierende kapitalistische Kraft in Europa" (Chevenement) ist; Diese Absicht wird durch eine Einladung des Bundeskanzlers an Mitterrand zu einem Gespräch in Bonn gefördert. Auch die SPD scheint sich darauf einzustellen, daß im nächsten Frühjahr der französische Premierminister François Mitterrand heißen könnte. Zur Zeit wird dieser erste intensive Gedankenaustausch vorbereitet. Bisher haben sich beide Politiker nur am Rande von Konferenzen der Sozialistischen Internationale vorsichtig berochen.

Mitterrand hat auch handfeste Wünsche. Da er völlig realistisch die Gefahr von Kapitalflucht, Produktionsrückgang und Exportproblemen im Falle eines Regierungswechsels an der Seine voraussieht, braucht er deutsche Rückendeckung, die bis zur Finanzhilfe gehen könnte, soll das linke Experiment in Frankreich nicht stark gefährdet werden. Bei einem Essen mit dem deutschen Botschafter in Paris äußerte sich der Sozialistenführer vergangene Woche sehr zuversichtlich über den Fortbestand der engen Beziehungen zwischen beiden Ländern.