Es gibt Understatements, die den Rang hoher sprachlicher Köstlichkeit genießen. So etwa die Bemerkung von Klaus von Bismarck, dem vor Jahresfrist geschaßten, das heißt: nicht wiedergewählten WDR-Intendanten, der einen Erfahrungsbericht mit dem trockenen Satz einleitete: „Figur und Funktion des Intendanten einer Rundfunkanstalt sind heute nicht unumstritten.“

Wenn im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem, wo doch alles umstritten ist, eines besonders umstritten ist, dann ist es gewiß das Amt des Intendanten.

Bismarck, der – schließlich zu seinem Schaden – selten ein Blatt vor den Mund genommen hat, schrieb, als er dann deutlicher wurde, in seiner Bestandsaufnahme: „Es ergibt sich im Blick auf die Intendanten-Gestalten der ARD und des ZDF begreiflicherweise eine bunte Mischung von Intendanten-Typen.“

Die Typen, so mag der feinsinnige Herr von Bismarck, der sich beharrlich als Programmintendant verstand, vielleicht gemeint haben, unterscheiden sich vor allem darin, daß die einen nur ihre Aufsichtsfunktion sehen, während andere etwas so Ungeheuerliches wie Kreativität an den Tag legen. Diese Arten-Bestimmung hat sogar einmal halbwegs gestimmt. Aber heute ist die Zeit der „bunten Mischung“ längst vorbei. Wer glaubt, daß die Intendanten des Rundfunksystems doch wirklich etwas mit den Inhalten des Programms zu tun haben, zu tun haben können, oder auch nur zu tun haben wollen, werfe einen Blick auf ihre Berufsbiographie. Die Liste der Götter mit beschränkter Kompetenz addiert sich zu einer bedenklichen Intendanten-Inventur.

  • Norddeutscher Rundfunk. Martin Neuffer: Verwaltungsjurist; früher Oberstadtdirektor von Hannover und Mitglied des NDR-Verwaltungsrates.
  • Saarländischer Rundfunk. Franz Mai: Jurist, früher Persönlicher Referent von Bundeskanzler Adenauer. Er gibt nach zwanzig Amtsjahren seinen Posten auf. Die Frage ist, ob der Journalist Rudolf Mühlfenzl oder ein saarländischer Politiker, was wahrscheinlicher ist, die Nachfolge antritt.
  • Zweites Deutsches Fernsehen. Karl-Günther von Hase: Diplomat, zuletzt Botschafter in London, presseerfahren immerhin durch glanzvolle Tätigkeit als Regierungssprecher.
  • Bayerischer Rundfunk. Reinhold Vöth: Jurist, Staatssekretär in München, Vorsitzender des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks, dann Intendant.
  • Radio Bremen. Gerhard Schröder: Jurist, Leiter der Kunstabteilung im Niedersächsischen Kultusministerium und Verwaltungsratsvorsitzender des NDR, bevor er Anfang der sechziger Jahre NDR-Intendant wurde. 1974 als Nachfolger von Klaus Bölling als Intendant nach Bremen übergewechselt.
  • Westdeutscher Rundfunk. Friedrich-Wilhelm Freiherr von Sell: Jurist, bei mehreren Sendern Justitiar und Verwaltungsdirektor. Schlug Werner Höfer aus dem Feld, der zwar vom Metier etwas verstand, aber offenbar zu wenig von der rundfunkpolitischen Juristerei.
  • Sender Freies Berlin. Wolfgang Haus: Jurist, bis vor kurzem Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus und zugleich Vorsitzender des SFB/Rundfunkrates. Er hat den bulligen Franz Barsig verdrängt, der bis zu seiner Niederlage immer noch glaubte, er sei stärker als seine schwache Partei.
  • Südwestfunk. Willibald Hilf: Jurist, ehemals Helmut Kohls Staatskanzleichef in Mainz, zugleich Vorsitzender des Verwaltungsrates des SWF.
  • Hessischer Rundfunk. Werner Hess: ein gelernter Pfarrer, der erheblichen Spaß an der Weltlichkeit findet. Intendant in Frankfurt seit 1962, liebt zusätzliche Ämter, vor allem solche, die ihn zu weltweiter Repräsentation verpflichten.
  • Süddeutscher Rundfunk. Hans Bausch: Rundfunkjournalist und dann – nach einem kühnen Wahlversuch – seit 1958 Intendant des SDR. Trotz betonter Parteiabstinenz (CDU-Mitglied) stets wiedergewählt.

Hans Bausch ist in der Tat der einzige, der sich im Kreise seiner Intendanten-Kollegen noch als Journalist gerieten könnte. Aber auch er hat längst dazugelernt. In der fürstlichen Intendanten-Suite, im allerhöchsten Geschoß des aufwendigen Stuttgarter Funkpalastes, residiert ein Professor, dem die unverständlichen Thesen edler Medienwissenschaft mehr am Herzen liegen als die Alltagsarbeit der Nachrichtenredaktion. Kein Wunder, der Abstand ist auch zu groß. Die Nachrichtenredaktion sitzt im Keller.

Die zehn Rundfunkchefs in deutschen Landen sind die letzten Feudalherren im demokratischen System. Übrigens: die Intendanten der Deutschen Welle und des Deutschlandfunks blieben unerwähnt, weil sie, denen die Weihe des Fernsehens fehlt, nur von minderer Bedeutung sind.