Die Zeitschrift „L 76“ erscheint soeben in ihrer vierten Nummer. Kann man nach einer so kurzen Erscheinungsspanne bereits etwas über Art und Charakter der Zeitschrift sagen? Ist nicht notwendigerweise manches, das vielleicht beabsichtigt ist, nur erst im Ansatz zu erkennen, nicht aber in der vollen Realisierung? Nun, eben darum geht es mir. Und der Entschluß, an den Anfang einer Reihe von Zeitschriftenporträts ganz unterschiedlichen Zuschnitts eins zu setzen, das nicht die Summe zu ziehen versucht aus, ich will einmal sagen, dreißig Jahrgängen kontinuierlicher Publikationen, sondern eines, bei dem es auf den Prospekt, den Entwurf ankommt, hängt für mich ursächlich zusammen mit dem Interesse, das heute Zeitschriften noch (oder wieder) erregen können.

Das steht, und damit möchte ich eine Art Hintergrundaspekt skizzieren, im Gegensatz zu der Situation, in der wir, die Leser der heutigen Bundesrepublik Deutschland, uns zwischen 1945 und 1950 befanden. Unser Verständnis von kulturpolitischen, literarisch-politischen, literarischen Zeitschriften hat sich gebildet in den Nachkriegsgründungen, von „Gegenwart“, „Merkur“, „Monat“, „Frankfurter Heften“ bis zu den „Akzenten“. Einzelne frühe Unternehmungen wie Döblins „Goldenes Tor“ oder Henneckes „Fähre“ sind heute vergessen, andere wie „Der Ruf“ oder „Die Literatur“ der Gruppe 47 führen nur noch ein literaturgeschichtliches Zitat-Dasein. All jene Zeitschriften hatten, von heute aus gesehen, einen konservierenden Charakter. Sie wollten für die, die durch die Zensur des Faschismus hindurchgegangen waren, eine unterbrochene Kontinuität wiederherstellen, auch dort, wo, wie in „Ruf“ oder „Literatur“, ein Neuanfang gemeint war. Wir sollten in unserem Bildungsbewußtsein, kaum kritisch, rückversichert werden.

Das heißt, wir sind an Nachkriegszeitschriften gewöhnt mit kulturell-politisch ausgleichendem, „ausgewogenem“ Grundcharakter, und Kritik setzte sich erst allmählich durch. Was von den Zeitschriften der ersten Stunde bis heute überlebt hat, sieht darin seine Schwierigkeit. Der berühmteste und erfolgreichste Gegenentwurf war Enzensbergers „Kursbuch“, mit dem, so läßt sich heute sagen, eine ganze Bewegung kritischer politischer und kultureller Artikulation eingeleitet wurde. Man würde jedoch etwas auslassen, wollte man daneben nicht noch die „Alternative“ nennen, die in manchen Phasen, da sie, im Gegensatz zum „Kursbuch“, auf den äußeren Effekt verzichtete, zur inhaltlichen ästhetischen wie ideologiekritischen Diskussion stichhaltigere Argumente lieferte. „L 76“ aber setzt, wie einige andere Versuche, eben da ein, wo der Impuls der Gegenzeitschriften „Kursbuch“ und „Alternative“ nicht mehr unvermittelt spürbar ist, das Programm in Gefahr ist, Korsett zu werden.

Anders gesagt: „L 76“ setzt ein nach-Apo, in Sozialismus-Kontroverse und Diskussion des Euro-Kommunismus, ästhetisch diesseits der Gegensätze experimentell-Werkkreisliteratur. Wie sehen die äußeren Vorzeichen aus?

Das „L“ im Titel der Zeitschrift soll, wie inzwischen wohl allgemein bekannt, anschließen an den Titel der letzten unabhängigen Prager Literaturzeitschrift, und auch die Jahreszahl 76 ließe sich so verstehen wie die 77 im Titel der, natürlich, später und ohne Zusammenhang damit veröffentlichten, „Charta 77“. Untertitel: „Demokratie und Sozialismus“. Herausgeber: Heinrich Böll, Günter Grass, Carola Stern, eine politische Publizistin also und zwei politisch publizierende Schriftsteller. Redaktion: Heinrich Vormweg. Eine Zeitschrift also, die sich bereits von der Titulatur auf dreifache Weise akzentuiert: politisch im Sinne eines Sozialismus, wie er überall dort diskutiert wird, wo weder sowjetischer Dogmatismus noch bürgerlich-kapitalistische Demokratie eindeutig das Übergewicht haben, politisch jedoch unter betonter Einbeziehung der Literatur, der ästhetischen Phänomene überhaupt, schließlich betont konkrete historisch verstandene Aktualität.

Stimmt das? Läßt sich das bereits in den erschienenen Heften ablesen? Ich möchte hier einfach ein paar Punkte aufzählen, die mir charakteristisch scheinen. Der Untertitel „Demokratie und Sozialismus“ wurde zu einem Zeitpunkt gewählt, als die CDU/CSU-Parole vom Bundestagswahlkampf 1976 „Freiheit oder/statt Sozialismus“ noch nicht bekannt war, er fängt aber, und darin sehe ich die Aktualität seiner Fragestellung, eine solche einseitige Zuspitzung auf.

Daß dies bewußt geschieht, zeigt das Zitat von Oskar Negt, das Vormweg in Heft 2, dem Heft nach der Wahl, an sein Editorial angehängt hat und in dem Negt vor der Gefahr eines sich verhärtenden Kapitalismus warnt und sagt: „Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist dann getan, wenn es dem Herrschaftssystem gelingt, Grundgesetz und Kapitalismus praktisch identisch zu setzen, wenn staatliche Behörden frei festlegen können, daß der Sozialismus in jeder möglichen Gestalt grundgesetzwidrig sei.“ Diesen Weg, den Weg Franz Josef Strauß’, zu versperren, dient auch, das kann man schon jetzt sagen, „L 76“.